Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident François Hollande im EU-Parlament in Straßburg © Frederick Florin/AFP/Getty Images

Der Erwartungsdruck war hoch. "Historisch" nannten viele den gemeinsamen Auftritt von Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Staatschef François Hollande vor dem EU-Parlament in Straßburg, noch ehe die beiden überhaupt die Stadt erreicht hatten. Das letzte Mal, als ein deutscher Bundeskanzler und ein französischer Staatschef hier das Wort ergriffen – 26 Jahre ist es her –, konnten Helmut Kohl und François Mitterrand glaubwürdig die Euphorie nach Europa tragen, dass mit dem Fall der innerdeutschen Mauer und des Eisernen Vorhangs ein Aufbruch zu Frieden, Freiheit und mehr Wohlstand verbunden war. 

Merkel und Hollande hatten es am Mittwochnachmittag bedeutend schwerer, den Funken überspringen zu lassen, Begeisterung für Europa zu schüren. Das zeigte schon die lange Liste der Probleme, die Frankreichs Präsident in seiner halbstündigen Rede abarbeitete: Statt dem Wort "Hoffnung" tauchte in seinem Diskurs vor allem das Wort "Krise" auf: die Wirtschaftskrise, die soziale Krise der vielen Tausend arbeitslosen Jugendlichen, die Flüchtlingskrise und die Krise der Sicherheit: der Konflikt in der Ukraine und der Terrorismus islamischer Fundamentalisten, der auch Europa bedroht.  

Für jedes Thema blieben nur ein paar Minuten. Und eine Antwort auf diese Herausforderungen, vor denen Europa heute steht, hatte er natürlich nicht. "Jede Krise macht Angst, wir müssen mit dieser Angst leben, aber sie darf uns nicht dominieren", das war als Fazit und Perspektive zu schwach.  

Europäisches Parlament - Merkel gegen Abschottung in der Flüchtlingskrise Am Mittwoch sprachen Kanzlerin Angela Merkel und der französische Präsident François Hollande gemeinsam vor dem EU-Parlament. Merkel erinnerte an die Millionen DDR-Bürger, die 1989 aufgenommen wurden und warb für Solidarität in der Flüchtlingskrise.

"Gerade jetzt brauchen wir mehr Europa"

Auch die Bundeskanzlerin, die ihre Landsleute in der Flüchtlingskrise noch vor Kurzem mit ihrem berühmten "Wir schaffen das" ermunterte, vermochte nun nur für einen "entschlossenen Beitrag zur Beendigung dieser Krisen" werben. "Gerade jetzt brauchen wir mehr Europa", dieser Appell traf auf viele Zweifler im Parlament. Denn auch sie sind mit den Krisen mehr geworden. Und anders als noch 1989 glauben diese Skeptiker nicht daran, dass das deutsch-französische Tandem Europa nach vorne bringen könnte oder sollte.

Der polnische Abgeordnete Ryszard Antoni Legutko etwa warf Merkel und Hollande vor, sie würden den Unterschied zwischen Führung und Dominanz verkennen. Sie würden "predigen, aber nicht den Dialog suchen" mit den anderen 26 Mitgliedsstaaten. "Mehr Europa?" fragte der Brite Nigel Farage von der EU-kritischen Partei Ukip. "Das ist nur ein Mehr derselben Versäumnisse." Er hoffe schwer auf einen Brexit, dem Ausscheiden der Briten aus der EU. Und Marine le Pen, die Vorsitzende des rechtsnationalen französischen Front National, machte sich gleich zu Beginn ihres Beitrags darüber lustig, dass Merkel mit ihrem "Vizekanzler aus der Provinz Frankreich" nach Straßburg gereist sei. Gemeint war Staatschef Hollande, den sie als schwachen Vasallen einer deutschen Übermacht sieht. 

"Bei manchen Beiträgen könnte man depressiv werden", bemerkte Merkel in ihrer Antwort lakonisch. Kohl und Mitterrand hatten sich vor 26 Jahren solcher Kritik nicht stellen müssen. Weil sie trotz der unterschiedlichen parteipolitischen Überzeugungen mehr einte als heute Merkel und Hollande? Die Bundeskanzlerin und der französische Staatschef vermieden es, ihre Meinungsverschiedenheiten etwa bei der Aufnahme der Flüchtlinge in Europa direkt anzusprechen. Wenn Europa seine Werte missachte, "verraten wir uns selbst, nicht mehr und nicht weniger", beharrte die Kanzlerin.