Eine Frau nach den Explosionen im Zentrum von Ankara © Burhan Ozbilici/ap/dpa

Nach dem schwersten Terroranschlag in der jüngeren Geschichte der Türkei geben Regierungskritiker dem Staat eine Mitschuld. Die Zahl der Opfer bei dem Doppelanschlag auf eine Friedensdemonstration in der Hauptstadt Ankara ist nach Angaben der türkischen Regierung auf mindestens 95 gestiegen, mehr als 200 Menschen wurden demnach verletzt.

Der Anschlag hatte sich am Samstagmorgen inmitten einer Friedensdemonstration in der türkischen Hauptstadt vor dem Hauptbahnhof ereignet. Zwei Sprengsätze explodierten im Abstand von wenigen Minuten, als sich gerade zahlreiche linke und kurdische Aktivisten vor dem Bahnhof versammelt hatten. "Man hörte zuerst eine große und dann eine kleinere Explosion", berichtete Ahmet Önen, der an der Kundgebung teilnehmen wollte. "Aus einer Demonstration für den Frieden ist ein Massaker geworden", sagte er. Die Zahl der Toten steige immer weiter, schreibt der Autor Mustafa Sönmez entsetzt auf Twitter. "Es ist schlimmer als ein Albtraum."

Gewerkschaften, Berufsverbände und Oppositionsparteien – darunter die Kurdenpartei HDP – hatten zu der Kundgebung aufgerufen. Mehrere Tausend Menschen wollten gegen die anhaltende Gewalt zwischen dem türkischen Staat und der PKK demonstrieren.

Erdoğan ruft zur Einheit auf

Die Kritiker werfen der Regierung vor, Spannungen mit den Kurden entfachen zu wollen, um ihre Chancen bei der Parlamentswahl am 1. November zu verbessern. Der Chef der kurdischen Partei HDP, Selahattin Demirtaş, kritisierte, die AKP-Regierung habe weder den Anschlag auf prokurdische Aktivisten im Juli im südtürkischen Suruç noch den auf eine HDP-Wahlveranstaltung im Juni in der Kurdenmetropole Diyarbakır aufgeklärt. "Ist es vorstellbar, dass ein Staat mit einem so starken Netz an Geheimdiensten im Vorfeld keine Hinweise auf den Anschlag hatte?", fragte er.

Der türkische Innenminister Selami Altınok wies die Vorwürfe zurück. Er könne keine Schwächen der Geheimdienste oder Sicherheitsbehörden im Zusammenhang mit der Gewalttat erkennen, teilte er mit. Einen Rücktritt lehnt der Minister ab.

Staatschef Recep Tayyip Erdoğan rief sein Land zur Einheit auf. "Die größte und bedeutsamste Antwort auf diesen Angriff ist die Solidarität und die Entschlossenheit, die wir ihm gegenüber zeigen werden", sagte er. Ministerpräsident Ahmet Davutoğlu sagte seine Wahlkampfauftritte für die nächsten drei Tage ab. Die türkische Regierung hatte den Anschlag zuvor als Terrorakt eingestuft

Die türkischen Behörden ermitteln Davutoğlu zufolge in mehrere Richtungen. Verdächtig seien die kurdische Arbeiterpartei PKK, die Terrororganisation Islamischer Staat (IS) und die verbotene linksextremistische Revolutionäre Volksbefreiungspartei-Front (DHKP-C), teilte er mit. Es gebe deutliche Hinweise darauf, dass das Attentat von zwei Selbstmordattentätern verübt worden sei. Davutoğlu rief eine dreitägige Staatstrauer aus.

In Istanbul und anderen Städten des Landes sind noch am Samstag tausende Menschen auf die Straße gegangen. Die rund 10.000 Demonstranten im Zentrum von Istanbul machten Präsident Recep Tayyip Erdogan für den Anschlag mitverantwortlich. Die Polizei begleitete die Proteste mit einem massiven Aufgebot, schritt aber nicht ein. Weitere Demonstrationen fanden in Diyarbakir, Izmir, Batman, Urfa und Van statt. Bei der Kundgebung im vorwiegend von Kurden bewohnten Diyarbakir kam es nach Angaben eines AFP-Fotografen zu Ausschreitungen, die Polizei setzte Tränengas ein.

Merkel: Angriff auf die Demokratie

Reaktionen auf den Anschlag gab es auch aus Deutschland. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sprach der Türkei nach dem Anschlag ihr "tief empfundenes Mitgefühl" aus. "Wenn sich die Hinweise auf terroristische Anschläge bestätigen, dann handelt es sich um besonders feige Akte, die unmittelbar gegen Bürgerrechte, Demokratie und Frieden gerichtet sind", hieß es in einem Schreiben Merkels an den türkischen Ministerpräsidenten. Die Teilnehmer einer Kundgebung für Ausgleich und Gewaltlosigkeit anzugreifen, sei "ein gezielter Anschlag auf den Zusammenhalt der Gesellschaft". Sie sei überzeugt, "dass die türkische Regierung und die gesamte türkische Gesellschaft in diesem Moment zusammenstehen und dem Terror eine Antwort der Geschlossenheit und der Demokratie entgegensetzen", schrieb Merkel weiter. 

Auch Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier rief die demokratischen Kräfte in der Türkei auf, jetzt zusammenzustehen. "Den Tätern geht es offensichtlich darum, im Vorfeld der Wahlen ein Klima der Angst und Einschüchterung zu verbreiten und Hass und Zwietracht zu schüren. Das darf nicht gelingen", mahnte er.