Am Wochenende war es Rainer Wendt, der Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft, der das Allheilmittel für die Flüchtlingskrise präsentierte. Die "Notbremse" müsse gezogen werden, sagte er in der Welt am Sonntag und plädierte für einen Grenzzaun zu Österreich, um Flüchtlinge auf dem Weg nach Deutschland aufzuhalten. Die zu erwartende Kettenreaktion – eine europäische Selbsteinzäunung – hält er für wünschenswert. "Genau diesen Effekt brauchen wir."

Immer mehr ratlose Amtsträger sehen im sich selbst abzäunenden Europa eine Lösung, um die Flüchtlingskrise in den Griff zu bekommen. Dabei zeigt ein Blick in die Länder Südosteuropas, dass in den vergangenen drei Jahren Grenzzäune die ankommenden Flüchtlinge zwar umleiten, aber keineswegs stoppen können. Neue Zäune entlang der Balkanroute haben bislang keine Folgen auf den Andrang der Flüchtlinge gehabt – im Gegenteil: Die Flüchtlingszahlen klettern auf immer neue Rekordhöhen.

Die Premiere machte vor drei Jahren Griechenland, das heute gerne von den EU-Partnern wegen der angeblich nachlässig überwachten Schengen-Grenze kritisiert wird. Im Sommer 2010 hatte Athen erstmals einen enormen Anstieg illegaler Immigranten an seiner Festlandgrenze zur Türkei festgestellt. Als Schwachstelle machten die griechischen Grenzer einen 12,5 Kilometer langen Landstrich im Nordosten des Landes aus, wo der Grenzfluß Evros einen Knick in die Türkei macht: Bis zu 300 Flüchtlinge gelangten dort täglich über die grüne Grenze.

Die EU kritisierte den griechischen Zaun

Griechenland forderte bei der EU-Grenzschutzagentur Frontex zusätzlich 190 Grenzbeamte an – doch das half nur wenig. Im Jahr 2011 stieg die Zahl der illegalen Grenzgänger von der Türkei nach Griechenland auf 57.000 Menschen. Das von der Finanzkrise gebeutelte Athen zog Konsequenzen und errichtete im Alleingang – und von der EU kritisiert – den ersten Grenzzaun.

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Faktencheck: Flüchtlinge

"Besorgte Bürger" versuchen, mit Vorurteilen Stimmung gegen Flüchtlinge zu machen. Ein Faktencheck

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Vorurteil #1

"Europa trägt die Hauptlast"

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Vorurteil #2

"Deutschland nimmt schon viel mehr Flüchtlinge auf als andere Länder"

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Der scheinbare Erfolg des vier Meter hohen, im August 2012 fertiggestellten Stacheldraht-Bollwerks schien die Baukosten von mehr als fünf Millionen Euro zunächst zu rechtfertigen: Im Oktober 2011 griff der griechische Grenzschutz an der Landesgrenze zur Türkei noch 5.628 Flüchtlinge auf. Ein Jahr später, im Oktober 2012, waren es nur noch 26 – auch, weil mehr als 1.800 Grenzpolizisten zusätzlich abgestellt wurden. Im Jahr 2012 halbierte sich so die Zahl der illegalen EU-Grenzübertritte. Frontex jubelte: Der griechische Zaun zeige seine Wirkung.

Doch die Freude der EU-Grenzschützer war nur von kurzer Dauer. Der eskalierende Syrien-Krieg und der neue Grenzzaun in Griechenland lenkten im Sommer 2013 die fliehenden Menschen Richtung Bulgarien um. Statt wie üblich 1.000 Asylbewerber im Jahr zu registrieren, waren es plötzlich 100 Flüchtlinge an nur einem Tag. 90 Prozent von ihnen gelangten durch die hügelige Waldlandschaft nahe dem Grenzstädtchen Lessowo über die bulgarisch-türkische Grenze.

Und dann wieder Griechenland

Sofia reagierte. Es baute einen 30 Kilometer langen Grenzzaun, der Ende 2013 fertiggestellt wurde. Die Flüchtlingszahlen gingen sogar spürbar zurück. Doch es kam zu einem Bumerangeffekt, den vor allem Griechenland zu spüren bekam. Die Flüchtlinge aus Syrien versuchten nun, über die griechischen Ägäis-Inseln vor der türkischen Westküste in die EU zu gelangen.

Allein im Jahr 2014 zählte Frontex rund 50.000 über die Ägäis eingereiste Immigranten – fast dieselbe Anzahl wie vor dem Bau des griechischen Grenzzauns. In diesem Jahr hat die EU-Behörde allein bis September 359.171 illegale Grenzübertritte registriert. Knapp 70 Prozent der Flüchtlinge stammen aus Syrien.