Wenn die Flüchtlinge Henrik sehen, haben sie es geschafft. Der Norweger steht in neongelber Warnweste auf der schmalen Straße in Eftalou, die über dem steinigen Strand verläuft, strohblonde Haarsträhnen kleben ihm im Gesicht. Durch seine Nickelbrille blickt der 23-Jährige auf die Männer, Frauen und Kinder, denen er gerade aus einem schwarzen, neun Meter langen Schlauchboot geholfen hat. Etwas mehr als 40 Menschen stehen dort auf dem Strand in der Sonne, kleine Rucksäcke auf den Schultern, die nassen Hosen kleben an den Beinen. "Wir sollen die Landungen so sicher wie möglich machen", sagt Henrik. 

Die übervollen Boote sollen nicht noch auf den letzten Metern auf Felsen laufen. Zusammen mit anderen jungen Norwegern lotst und zieht Henrik sie Richtung Ufer und hilft dann vor allem Kindern, Älteren, Schwachen und Verletzten an Land, wo sie mit Essen, Wasser und warmer Kleidung versorgt werden. "Ich habe Kinder gesehen, die ganz blau vor Kälte waren", sagt Henrik. Heute sind nur leichte Wellen auf dem blauen Meer zu sehen. Ein guter Tag für die Fahrt von der türkischen Küste. Auf dem Wasser kündigen zwei orangene Punkte bereits die nächsten Boote an.

Henrik arbeitet für die norwegische Hilfsorganisation A Drop In The Ocean. Sie ist so etwas wie das inoffizielle Empfangskomitee Europas im Norden der griechischen Insel Lesbos. Hier will die Organisation jenen Menschen helfen, die alles hinter sich gelassen haben und nun ihr Leben riskieren, um in Frieden und Sicherheit zu sein.

Henrik ist seit zwei Monaten hier und koordiniert die Landungshelfer auf dem etwa 20 Kilometer langen Küstenabschnitt zwischen Molivos und Skala Sikamineas. Sie sind ein Rädchen in dem Getriebe, das sich auf griechischer und türkischer Seite teils mit und teils ohne staatliche Strukturen für Menschen auf ihrem Weg nach Europa entwickelt hat.

Mehr als 550.000 Flüchtlinge sind in diesem Jahr bereits aus der Türkei auf den griechischen Inseln in der Ostägäis angekommen. Laut der Internationalen Organisation für Migration (IOM) kommen derzeit fast 10.000 Menschen am Tag übers Meer, in Lesbos sind allein im Oktober mehr als 100.000 Flüchtlinge gelandet.

Mit der Zahl der Flüchtenden steigt auch die Zahl der Toten: Schätzungen des UNHCR gingen noch von etwa 100 Opfern aus, laut IOM kamen allein im Oktober an drei Tagen 18 Menschen ums Leben. Am Mittwoch kenterte ein Schiff mit mehr als 250 Menschen – sieben starben, 30 werden noch vermisst. In den meisten Fällen heißt das leider, dass auch sie gestorben sind. In der Nacht zu Freitag ertranken in der Ägäis nach Angaben der griechischen Hafenpolizei mindestens 22 Menschen.

Tausende Flüchtlinge jeden Tag: Lesbos befindet sich seit spätestens Juni im Ausnahmezustand. Medien weltweit berichteten von den unhaltbaren Zuständen auf der Insel. Die Bilder und Berichte sorgten einerseits für Druck auf die griechischen Behörden und animierten andererseits eine Reihe von Freiwilligen, hierher zu kommen, sodass die Hilfe für die Ankommenden ein bisschen besser läuft. 

So müssen die Flüchtlinge seit wenigen Wochen nicht mehr den Großteil der mehr als 40 Kilometer bis in den Süden der Insel zum zentralen Camp unweit der Hafenstadt Mytilini laufen, um sich registrieren zu lassen: Busse fahren zwischen den verschiedenen Durchgangs- und Auffanglagern hin und her. Bei größerem Andrang wie in dieser Woche werden Männergruppen aber immer noch zu Fuß losgeschickt.

Eine Vielzahl an ehrenamtlichen Helfern und Organisationen kümmert sich inzwischen um die Flüchtlinge nach ihrer Ankunft im Norden der Insel: Von den Stränden werden sie in provisorische Zeltlager gebracht, von denen es dann in das staatlich geführte Registrierungscamp geht, bevor sie von Mytilini mit der Fähre nach Athen fahren können. Von dort setzen sie ihre Reise durch Europa fort.

Das Problem ist allerdings, wie viele Ehrenamtliche selber sagen, dass es keine Koordination all der Hilfen gibt. Jede Organisation verfolgt weitgehend ihre eigenen Ziele und Zwecke. Die staatliche Koordinierung beschränkt sich größtenteils auf das zentrale Lager in Moria, wo UNHCR, Ärzte der Welt, Rotes Kreuz und weiter Hilfsorganisationen eingebunden sind.

Max ist einer der vielen Helfer. Der 22-jährige Brite verteilt im Auftrag der Organisation Starfish Sitzplätze für die Busse, lässt Flüchtlinge zuhause anrufen und achtet vor allem darauf, dass Familien nicht getrennt werden.

© Till Schwarze

Gerade steht er in orangener Warnweste am Strand von Eftalou unter einem grünen Campingpavillon und redet auf einen Mann mit schwarzen Haaren und Bartstoppeln ein, der ihn nicht versteht. Max fährt sich mit der Hand durch die braunen Haare und versucht es noch einmal. Er deutet erst auf den kleinen Jungen an der Seite des Mannes, dann auf sein Knie: "Sie müssen ihren Sohn im Bus auf den Schoß nehmen", sagt er zu dem Vater einer fünfköpfigen Familie. Der Mann nickt nun, lächelt und nimmt den Zettel für die Busfahrt zum Camp ein paar Kilometer die Straße rauf, wo seine Familie mit Kleidung und Lebensmitteln versorgt werden soll.