Eingezwängt zwischen einem See und nebelverhangenen Bergen wirkt das beschauliche norwegische Städtchen Lillehammer der Welt entrückt. Doch Krieg und Terror, Hunger und Korruption, Umweltkatastrophen und Flucht, all diese grauenhaften Menschheitsprobleme waren hier in der vergangenen Woche besonders gegenwärtig.

Bis ins letzte Detail legten 900 Enthüllungsjournalisten aus 120 Ländern auf ihrem Weltkongress, der Global Investigative Journalism Conference (GIJC), vier Tage lang die grausigsten Verbrechen und Skandale offen.

Ans Licht kamen die Machenschaften des bis in die Haarspitze korrupten ukrainischen Ex-Präsidenten Viktor Janukowitsch wie auch die zwielichtigen Geschäfte des Staatschefs von Montenegro. Eine russische Dokumentarfilmerin hielt über ein Jahrzehnt lang das Schicksal von Kindern fest, die in Wladimir Putins Reich auf einer Müllkippe in der Nähe von Moskau ihr Leben fristen. Und eine nigerianische Kollegin deckte den todbringenden betrügerischen Handel mit gefälschten Moskitonetzen auf. Geht es um die furchtlose Wahrheitsfindung und den unbedingten Willen aufzuklären, also um den Kern der journalistischen Arbeit, muss einem um die Zukunft der vierten Gewalt nicht Bange sein. Einerseits.

Schaut man sich andererseits an, mit welchem hemmungslosen Eifer manche Journalisten Datenbänke durchforsten, persönliche Accounts knacken und in Sekundenschnelle Informationen, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben, zu einem Gesamtbild verknüpfen, bekommt man das Fürchten. Das ist die zwiespältige Erkenntnis des Weltkongresses investigativer Journalisten.

Die gute Nachricht: Die harte Recherche, die mühsame Suche nach Fakten, Belegen und Zeugen haben wieder Konjunktur, fast überall auf der Welt.

Mit Mut gegen das Verbrechen

Mutige Journalisten decken Verbrechen und Affären auf, oft unter Einsatz ihres Lebens. Einer ägyptischen Filmerin wurden bei einer Reportage über die Mörderbanden des IS die Knochen gebrochen, drei ihrer Kollegen wurden enthauptet. Die nigerianische Journalistin erhielt bei ihrer Recherche über die Moskitonetz-Mafia Morddrohungen und konnte nicht mehr in ihre Wohnung zurück. Ein afrikanischer Aufklärer riet einem Kollegen aus Angola, der einer Diamanten-Mafia nachstellt, dringend auf sich aufzupassen.

Weitere Beispiele: Der syrische Enthüllungsjournalist Basel Al Hamdo musste sich zuerst vor der Regierung Assad wie auch vor dem IS in Sicherheit bringen und wurde dann auf seiner Flucht nach Deutschland sowohl von der ungarischen als auch von der serbischen Polizei für einige Tage ins Gefängnis gesperrt.

Um nicht erkannt zu werden, verbarg ein afrikanischer Dokumentarfilmer selbst in Lillehammer sein Gesicht unter einer Kappe, an deren Schirm lange Fransen wie ein Vorhang herunterhingen. Die aserbaidschanische Journalistin Khadija Ismayilova, die bei der letzten GIJC-Versammlung für ihre Enthüllungsgeschichte mit dem Global-Shininig-Light-Award ausgezeichnet wurde, sitzt inzwischen in ihrem Land im Gefängnis.

Sie alle haben in Wort und Bild verstörende Geschichten zu erzählen. In einem Film kommen zum Tode verurteilte indische Vergewaltiger zu Wort – und ebenso ihre Familien und die Familien der Opfer. Der syrische Journalist Firas Fayyad aus Aleppo gab einem Landsmann ein Smartphone mit auf die Flucht und stellte dann die ihm per Whats-App übersandten Videosequenzen zu einer beeindruckenden Dokumentation zusammen.

Methoden und Tricks der Datensuche

Enthüllungsjournalisten – sie hatten früher den Ruf, ein wenig verschroben zu sein. Sie galten als einsame Wölfe, die sich monate-, oft jahrelang in einem kleinen Kämmerlein durch verstaubte Akten wühlten. Oder sich, wie Günter Wallraff, für ihre Aufdeckungsarbeit eine zweite Identität zulegten. Doch die digitale Revolution hat auch die investigative Arbeit der Medien revolutioniert. Auf dem Weltkongress in Lillehammer zeigten Computerexperten in Workshops die neuesten Methoden und Tricks der Datensuche.

Lauter kleine Edward Snowdens zeigten, wie man verborgene Dokumente aufspürt und sich mit wenigen Klicks in Facebook und Twitter auf Spurensuche begibt. Spuren existieren massenhaft, die Kunst jedoch besteht darin, sie dank des technischen Know-hows mittels Rasterfahndung in den sozialen Medien zu verknüpfen und Profile zu erstellen. Blitzschnell kann die Adresse eines mutmaßlichen Drogendealers ermittelt werden oder der Freundeskreis eines verdächtigen Islamisten.

Manche Enthüller sehen darin kein Problem, zählen sie sich doch zu den Guten, die nur das Beste wollen. Überdies behaupten sie, all die von ihnen aufgespürten Informationen hätten die Nutzer freiwillig ins Netz gestellt. Für jede einzelne Information mag das theoretisch stimmen. Aber nicht mehr für all die Querverbindungen zwischen den Daten und die sich daraus ergebenden Profile.

Es ist in der Tat faszinierend, mit welchen technischen Möglichkeiten heute korrupten Politikern, Diktatoren und Wirtschaftskriminellen im Datendschungel nachgestellt werden kann. Und wie es für sie immer schwerer wird, ihre Verbrechen vor den Augen findiger Enthüllungsjournalisten und damit letztlich auch vor der Justiz zu verbergen.

Aber der Aufdeckungs- und Verfolgungsdrang, die Forderung nach absoluter Transparenz, haben auch etwas Erschreckendes und Unheimliches. Fast nichts mehr kann geheim, geschweige denn vertraulich bleiben. Beim vierten Glas Bier an der Hotelbar brüstet sich ein Enthüllungsjournalist aus Amerika damit, wie er mit dem Eifer eines Scharfrichters den Mächtigen zu Leibe rückt.  

Worüber in Lillehammer nicht geredet wurde: Im ungebremsten Ehrgeiz, alles ans Licht zu zerren, liegt auch die Gefahr, selber das Recht auf Privatheit und die Grundsätze des Datenschutzes zu verletzen.