Im Westen ist das Datum längst vergessen, für die Welt des arabischen Islam dagegen war der 20. November 1979 eine Zäsur mit katastrophalen Folgen. Mit ihr begann – wie es Navid Kermani bei seiner Friedenspreisrede in Frankfurt formulierte – der Krieg des Islam gegen sich selbst, der fast vollständige Bruch mit seiner Tradition, der Verlust des kulturellen Gedächtnisses, seine zivilisatorische Amnesie. Der multiethnische, multireligiöse und multikulturelle Orient sei untergegangen, diagnostizierte Kermani, "den ich in seinen großartigen literarischen Zeugnissen aus dem Mittelalter studiert und während langer Aufenthalte in Kairo und Beirut, als Kind während der Sommerferien in Isfahan (...) als eine zwar bedrohte, niemals heile, aber doch quicklebendige Wirklichkeit lieben gelernt habe".

Am 20. November 1979 kidnappten 500 radikale Gotteskrieger die große Moschee in Mekka. Zwei Wochen dauerten die Kämpfe, hunderte Pilger starben, am Ende lag das zentrale Heiligtum des Islam teilweise in Trümmern. Das saudische Königreich, die Heimat des Propheten Mohammed, war in seinen Grundfesten erschüttert und reagierte mit einem ebenso fundamentalen wie folgenschweren Kurswechsel. Die Gewalttäter exekutieren, ihre geistigen Hintermänner aber zufriedenstellen, lautete die doppelte Marschroute.

So wurde in punkto sittlicher Strenge und religiöser Eindeutigkeit kräftig nachgearbeitet. Fortan ging ein Drittel der Schul- und Studienzeit mit Koranauslegung und Scharia-Unterricht drauf. Statt Vokabeln zu lernen und sich Formeln einzuprägen, büffelten saudische Schüler heilige Suren und Episoden aus dem Leben des Propheten. Frauen mussten sich verschleiern, Männer ließen sich Bärte wachsen, selbst auf den Dörfern erschienen plötzlich Religionspolizisten. Und bald waren die Jungen konservativer als die Alten.
In der Religionsgeschichte gehört der Nahe und Mittlere Osten zu den kreativsten und vielfältigsten Regionen der Welt. Hier lebten Menschen fast aller muslimischen, christlichen und jüdischen Glaubenskulturen zusammen. Über Jahrtausende hinweg entwickelte sich ein faszinierendes Ineinander von Gottesdienst und Kulturen, von Gelehrsamkeit und Dialog, von Bräuchen und Festen.

Mit der innersaudischen Wende vor 35 Jahren jedoch begann das religiöse Koordinatensystem des Nahen Ostens immer heftiger zu oszillieren - zwischen dem alten Pol der gelassenen Pluralität und dem neuen Pol der ultraorthodoxen Eindeutigkeit. Für die einen ist Vielfalt im Glauben ein Reichtum, für die anderen ein Missstand – ein Antagonismus, der mittlerweile sämtliche Gesellschaften des Nahen Ostens zerreißt. Denn im Zentrum dieses innerislamischen "Krieges gegen sich selbst" steht das Verhältnis von Kultur und Religion.

Je monolithischer und dogmatischer das fromme Gehabe, desto dekulturierter ist er, also von der jeweiligen Kultur entkoppelt. So argumentiert der französische Islamforscher Olivier Roy und spricht von einer Dekulturation des Religiösen. Vor allem der salafistisch-wahabitische Islam, der nach 1979 in Saudi-Arabien mit aller Staatsmacht neu eingeschärft wurde, ist dezidiert kulturfeindlich und anti-intellektuell. Kultur gilt als unberechenbarer und verführerischer Gegenspieler der reinen Rechtgläubigkeit. Kulturelle Vielfalt ist eine Bedrohung, sie verunklart und verwässert die angeblich eindeutige Botschaft des Koran sowie die gottgegebenen Moralregeln aus der goldenen Vergangenheit des Propheten und seiner Mitstreiter.
Ihre verheerende regionale Wirkung konnte diese hermetische Version des Islam vor allem deshalb entfalten, weil sie besonders leicht zu exportieren ist. Sie ist mit keiner Hochkultur verwoben, braucht kaum kulturelle Kontexte und entlastet ihre Anhänger von komplexen und vielschichtigen Aneignungsprozessen.

Alles so schön übersichtlich

Die fundamentalistischen Missionare der Arabischen Halbinsel locken ihre Glaubenskunden mit einer Handvoll simpler religiöser Marker, mit denen sich Rechtgläubigkeit demonstrieren lässt – in den arabischen Ländern entlang der Mittelmeerküste, längst aber auch in Europa. Der neu Erweckte kann es sich bequem machen in einer übersichtlich-strenggläubigen Welt. Alles ist eindeutig, Orientierung geben die vermeintlich klaren Unterscheidungen zwischen Gläubigen und Ungläubigen, Gläubigen und Irrgläubigen. Die mittlerweile 30.000 ausländischen IS-Gotteskrieger in Syrien und Irak, von denen mindestens 6.000 aus Europa, Amerika oder Australien stammen, sind nur ein kleiner, wenn auch besonders radikaler Ausschnitt dieser Gruppe.