Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hat mit Äußerungen zur angeblichen Verwicklung der Palästinenser in den Holocaust scharfe Kritik ausgelöst. Netanjahu hatte vor dem Zionistischen Kongress in Jerusalem behauptet, der palästinensische Großmufti Amin al-Husseini habe Hitler 1941 zum Holocaust angestiftet. Dabei habe der deutsche Diktator zunächst nur geplant, die Juden aus Europa zu vertreiben.

Als Grund habe Al-Husseini angeführt, dass die Juden nach Palästina kommen würden, wenn Hitler sie nur vertreiben würde. Hitler habe dann gefragt, was er tun solle, worauf der Mufti geantwortet habe: "Verbrenne sie."

Israelische Oppositionspolitiker und Historiker warfen Netanjahu die Verdrehung historischer Tatsachen vor. Vertreter der Palästinenser kritisierten, der Regierungschef wolle Hitler vom Holocaust freisprechen, um Muslimen die Schuld am Massenmord an sechs Millionen Juden zuzuschieben. Der palästinensische Chef-Unterhändler Saeb Erekat sagte, Netanjahu solle diese "humanitäre Tragödie nicht instrumentalisieren, um für seine politischen Ziele zu punkten".

Kritik kam auch vom israelischen Verteidigungsminister Mosche Jaalon, er gilt sonst als loyaler Gefolgsmann Netanjahus. Al-Husseini habe nicht die sogenannte Endlösung erfunden, sagte er im Armee-Rundfunk. "Das war die teuflische Idee von Hitler selbst." Al-Husseini habe sich ihm nur angeschlossen.

Auch die Bundesregierung widersprach Netanjahu indirekt, indem sie sich erneut explizit zur deutschen Verantwortung für den Holocaust bekannte. "Wir wissen um die ureigene deutsche Verantwortung an diesem Menschheitsverbrechen", sagte Regierungssprecher Steffen Seibert. Er sehe keinen Grund, "dass wir unser Geschichtsbild in irgendeiner Weise ändern".

Netanjahu wehrt sich gegen Kritik

Netanjahu kann die Kritik an seinen Äußerungen nicht verstehen. "Das ist absurd. Ich hatte keinesfalls die Absicht, Hitler von seiner satanischen Verantwortung für die Vernichtung der europäischen Juden freizusprechen", sagte Netanjahu vor seiner Abreise nach Deutschland. Hitler sei verantwortlich für die Vernichtung von sechs Millionen Juden, er habe die Entscheidung getroffen. Es sei jedoch ebenso absurd, die Rolle des Mufti zu ignorieren. Al-Husseini sei ein Kriegsverbrecher, "der Hitler, Ribbentrop, Himmler und andere zur Vernichtung der Juden Europas ermutigt hat".

Der Holocaustforscher Mosche Zimmermann von der Hebräischen Universität sagte, Netanjahus Argument sei weit hergeholt und mache den Regierungschef im Prinzip zu einem Holocaustleugner. "Jeder Versuch die Bürde von Hitler und anderen abzulenken, ist eine Form von Holcaustleugnung." Al-Husseini sei zwar "ein glühender Nazi-Anhänger", aber auch ein "politisches Leichtgewicht" gewesen, sagte Zimmermann. Der Großmufti habe versucht, Hitlers Unterstützung beim Kampf gegen das britische Völkerbundmandat für das damalige Palästina und gegen die ins Land kommenden jüdischen Einwanderer zu erhalten. Es gebe keinen Beweis, dass der Großmufti einen wirklichen Einfluss auf Hitler gehabt habe.

Israels Präsident Reuven Rivlin sagte, ob es einen kausalen Zusammenhang zwischen dem Treffen Al-Husseinis mit Hitler und der Judenvernichtung gebe, könne er nicht beurteilen. Aber Hitler sei "derjenige, der unendliches Leid über unsere Nation gebracht hat".

Netanjahu trifft am Mittwochabend in Berlin mit Bundeskanzlerin Angela Merkel zusammen, um über die jüngsten Gewaltausbrüche im Nahen Osten zu sprechen. Am Donnerstag will er sich mit US-Außenminister John Kerry treffen. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon rief am Dienstag bei einem Blitzbesuch Israelis und Palästinenser zur Ruhe auf.