Brennende Ruine des Krankenhauses in Kundus nach dem Angriff Samstagnacht © EPA/MSF HANDOUT

Die Organisation Ärzte ohne Grenzen war schon in vielen Kriegen im Einsatz, sie kennt die Risiken. Daher teilt sie immer allen Konfliktparteien mit, wo genau sich ihre Hilfszentren befinden. Das hat Ärzte ohne Grenzen auch in Kundus getan, mehrfach in den vergangenen Monaten und mit genauen GPS-Koordinaten aller Gebäude. Trotzdem wurde das Krankenhaus der Hilfsorganisation bei einem Bombardement der amerikanischen Armee gleich mehrmals getroffen. Selbst nachdem amerikanische und afghanische Militärs in Kabul und in Washington über einen ersten Treffer informiert wurden, sei der Bombenangriff auf die Gebäude noch mehr als 30 Minuten lang weitergegangen, teilte die Organisation mit. Sie verlange Aufklärung, was genau passiert sei und wie es zu diesem furchtbaren Ereignis habe kommen können.

Bei dem Angriff in der Nacht zum Samstag wurden nach neuen Angaben der Organisation 19 Menschen getötet. Bei den Toten handelt es sich um zwölf Mitarbeiter der Klinik und sieben Patienten, drei von ihnen Kinder. Weitere 37 Menschen wurden teilweise schwer verletzt, 19 von ihnen sind Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen.

"Diese Attacke ist eine abscheuliche und schwere Verletzung internationalen humanitären Rechts", sagte Meinie Nicolai, die Präsidentin von Ärzte ohne Grenzen, in einer Mitteilung. "Wir können es nicht hinnehmen, dass dieser schreckliche Verlust von Menschenleben einfach als 'Kollateralschaden' abgetan wird."

Ein Sprecher des amerikanischen Militärs hatte erklärt, bei dem Angriff der US-Luftwaffe auf Taliban-Kämpfer sei es "möglicherweise zu einem Kollateralschaden bei einer nahe gelegenen medizinischen Einrichtung gekommen". Inzwischen wird untersucht, ob ein Flugzeug der US-Armee vom Typ AC-130 dafür verantwortlich ist, zitierte der Sender CNN eine anonyme Quelle aus dem Militär. Diese umgebauten Transportflugzeuge sind fliegende Artilleriestellungen und verschießen großkalibrige Granaten. Eine dieser Maschinen war an den Kämpfen gegen die Taliban beteiligt.

Der amerikanische Verteidigungsminister Ashton Carter sprach in einer am Samstag veröffentlichten schriftlichen Mitteilung von einem "tragischen Vorfall". Eine "volle Untersuchung" sei in Abstimmung mit der afghanischen Regierung im Gange. "Während wir noch herauszufinden versuchen, was genau passiert ist, möchte ich allen Betroffenen sagen, dass ich ihnen meine Gedanken und Gebete widme."

Der "Kollateralschaden" ist erheblich. Nicht nur, dass 16 Menschen starben, auch das Krankenhaus wurde fast vollständig zerstört. Adil Akbar, einer der dort arbeitenden Ärzte, sagte der Nachrichtenagentur AP, der Operationssaal, die Notaufnahme und andere Bereiche seien getroffen worden. Zur Zeit des Angriffs behandelte das Krankenhaus 105 Patienten, mehr als 80 Mitarbeiter versorgten sie.

US-Präsident Barack Obama sprach den Opfern sein Beileid aus und nannte das Unglück einen "tragischen Zwischenfall". Das Verteidigungsministerium in Washington habe eine Untersuchung des Vorfalls aufgenommen, betonte Obama. Erst wenn deren Ergebnisse vorlägen, könnten die Umstände der "Tragödie" beurteilt werden.

Die Vereinten Nationen fordern gründliche Untersuchung

Die Vereinten Nationen haben den Bombenangriff kritisiert. "Krankenhäuser, in denen sich Patienten und medizinisches Personal befinden, dürfen niemals zum Angriffsziel werden", sagte der UN-Sondergesandte für Afghanistan, Nicholas Haysom. "Das internationale humanitäre Recht verbietet außerdem die Nutzung medizinischer Einrichtungen für Militärzwecke."

Auch UN-Generalsekretär Ban Ki Moon hat den Luftangriff scharf verurteilt. Wie sein Büro mitteilte, forderte er zugleich eine "gründliche und unabhängige Untersuchung", um festzustellen, wer verantwortlich sei.

Der Vorfall sei "absolut tragisch, unentschuldbar und vielleicht sogar kriminell", erklärte der UN-Hochkommissar für Menschenrechte, Seid al-Hussein weiter. Al-Hussein forderte eine transparente Untersuchung des Angriffs. Sollte dieser sich vor einem Gericht als vorsätzlich herausstellen, "könnte ein Luftangriff auf ein Krankenhaus ein Kriegsverbrechen darstellen".

Die USA sollten sich nach Ansicht des Grünen-Politikers Omid Nouripour entschuldigen. Die Bundesregierung müsse innerhalb der Nato bei den USA zudem auf eine Entschädigung der Opfer drängen, forderte der außenpolitische Sprecher der Grünen im Bundestag. "Das Letzte, was die afghanische Regierung nun braucht, um die Köpfe und die Herzen der Menschen zurückzuerobern, sind Bomben auf Krankenhäuser."