Als Wahlsieger Michael Häupl kurz nach acht Uhr abends das riesige Festzelt neben dem Wiener Burgtheater betritt, explodiert der Jubel. Wie einen Gladiator, der von einem aussichtslosen Kampf siegreich heimgekehrt ist, feiern ihn die Sozialdemokraten. Sie trampeln, pfeifen, kreischen und applaudieren. Minutenlang. Der Wiener Bürgermeister hat seinen Genossen etwas geschenkt, was sie seit Jahren vermissen: einen triumphalen Wahlabend. Und er hatte verhindert, dass die rechtspopulistische FPÖ die Stadt überrollte, wovor viele, nicht nur Sozialdemokraten, in den vergangen Tagen und Wochen gebangt hatten. 

Eigentlich war es gar kein Sieg. Die SPÖ hat bei den kommunalen Wahlen knapp fünf Prozent verloren. Doch wahrscheinlich nie zuvor fühlte sich ein saftiges Minus bei einer Partei derart als fettes Plus an. Ein regionaler Wahlgang interessiert normalerweise niemanden außerhalb der Landesgrenzen. Aber diesmal guckte ganz Europa auf die österreichische  Hauptstadt. Zum ersten Mal seit Ausbruch der Flüchtlingskrise wurden dort in einer europäischen Metropole die Wähler zur Urne gerufen. Angesichts der Flüchtlingskarawanen, die über den Kontinent ziehen, gewinnen überall die Rechtspopulisten an Stärke. In Wien drohten sie nun zum ersten Mal von einer humanitären Katastrophe zu profitieren.

Es werde knapp, prophezeiten alle Meinungsumfragen. FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache rief ein "Duell um Wien" aus und kündigte eine "Oktoberrevolution" an. Scheinbar unaufhaltsam rückten die Freiheitlichen an die SPÖ heran. Je näher der Wahltag kam, desto knapper wurde der rote Vorsprung. Zuletzt schienen die Freiheitlichen den Sozialdemokraten im Nacken zu sitzen. Kopf-an-Kopf-Rennen, nahezu Gleichstand, schrien die Boulevardzeitungen. Die einzige rot-grüne Koalition schien in Österreich in Gefahr. Zwar gewann die FPÖ über fünf Prozent, doch der Erdrutsch blieb aus. Am Ende trennten dann die Kontrahenten acht Prozent. Wien, das Bollwerk der Roten, hatte dem Ansturm von rechts Stand gehalten.

Wochenlang dominierte die Flüchtlingskrise die Nachrichten. Hunderttausende strömten auf der Balkanroute über die österreichische Grenze und wurden über Wien nach Deutschland weitergeleitet. Ein ideales Wahlkampfthema für die Rechtspopulisten, Herausforderer Strache forderte Grenzzäune, warnte vor Dschihadisten, die sich in den Massen verstecken würden und prangerte an, es würden hauptsächlich Wirtschaftsflüchtlinge in die Wohlfahrtszone Österreich drängen. Die politischen Gegner der Freiheitlichen zitterten vor den "Stracheldraht-Wahlen", die auf sie zukamen.

Offensive statt Wohlfühlwahlkampf

Im Unterschied zu den übrigen Landesteilen klappt in Wien die Versorgung der Flüchtlingsmassen weitgehend reibungslos. Während früher die Kommunalpolitiker das Thema aus Angst, schlafende Hunde zu wecken, sorgsam vermieden und lieber auf einen Wohlfühlwahlkampf setzen wollten, schwenkte die regierende SPÖ in der letzten Wahlkampfphase um und warb offensiv mit ihrer fürsorglichen Betreuung der Asylsuchenden und ihrer Willkommenskultur. "Ob ich dafür gewählt werde oder nicht", wiederholte Bürgermeister Häupl ein ums andere Mal, "ich kann nicht anders." In Diskussionen ließ er sich von den Freiheitlichen vorwerfen, seine Partei würde die Wiener zu Fremden in  der eigenen Stadt machen. Der massige Bürgermeister, der gerne nach Mentalität und Auftreten mit einem Fiaker verglichen wird, wandelte sich zum Fels in der rechtspopulistischen Brandung.

Geschickt nährte die rote Werbekampagne das Schreckgespenst von einem Bürgermeister Strache, der Wien in eine Metropole der Herzlosigkeit verwandeln würde. Die äußerst effiziente rote Wahlkampfmaschine mutierte zu einem Gutmenschengenerator. Die Sozialisten appellierten auch an ihnen fernstehende Wählerkreise, diesmal für den Garanten Häupl zu stimmen, und so den Alptraum der Zivilgesellschaft zu verhindern.

"Wir haben zwar Prozentpunkte verloren, aber an Profil gewonnen", meinte ein roter Funktionär am Wahlabend. Die häufigsten Begriffe, welche die jubilierenden und kämpferischen Redner bei der Siegesfeier bemühten, lauteten "Anstand" und "Haltung". Ganz klar, in Wien will die SPÖ weiter an ihrer Marke als Samariterpartei arbeiten.

Der relativ eindeutige Ausgang des Duells bedeutet gleichzeitig, dass das Liebäugeln mit einer Koalition mit den Freiheitlichen, das langsam in der SPÖ aufgekeimt ist und im Burgenland sogar zu einem rot-blauen Pakt führte, vorläufig bei den Genossen nicht salonfähig ist.

Was kann Europa von der Wiener Wahl lernen? Dass die Rechtspopulisten von einer offensiven humanitären Politik zumindest in ihre Schranken gewiesen werden können.