Bereits seit einigen Jahren folgt das Nobelpreiskomitee bei der Vergabe des Friedenspreises dem Motto, nicht nur zurückliegenden Einsatz oder gar Erfolge im Ringen um den Frieden in der Welt zu honorieren. Stattdessen versucht es, mit seinen Entscheidungen gezielt, noch laufende, oft schwierige Prozesse zu ermutigen. Dass das Komitee mit der frühen Vergabe an US-Präsident Barack Obama 2009 womöglich voreilig Reden und Versprechungen ehrte, denen erst einmal keine Taten folgten, sei dahingestellt. Auch manch andere Entscheidung erwies sich im Rückblick als ein wenig unglücklich.

Der Nobelpreis für das Dialogquartett in Tunesien kommt zur richtigen Zeit. Er honoriert den durchaus nicht selbstverständlichen Zusammenschluss unterschiedlicher Interessengruppen – Arbeitgeber, Arbeitnehmer, Menschenrechtler und Anwälte –, der sich in Tunesien bereits seit gut zwei Jahren dafür einsetzt, dass das Land trotz aller Schwierigkeiten nicht von dem eingeschlagenen Weg Richtung Demokratie abweicht. Und dies zu einem Zeitpunkt, da die Euphorie nach den beiden Terroranschlägen in diesem Jahr bei vielen Bürgern in Kleinmut und Verzagtheit umgeschlagen ist. Nur jetzt nicht aufgeben, lautet die Botschaft des Osloer Komitees.

Als sich das Dialogquartett 2013 zusammenfand, zwei Jahre nach der tunesischen Jasminrevolution gegen Diktator Zine el-Abidine Ben Ali, da stand das Land vor einem Bürgerkrieg. Tunesien wurde von der islamistischen Partei Ennahda regiert. Die gab sich zwar nach außen als gemäßigt. Doch ihre Schergen prügelten auf Menschenrechtler, Oppositionspolitiker und Journalisten ein, die die Meinungsvielfalt in dem Land gegen eine Knechtschaft unter einer vermeintlich islamischen Deutungshoheit verteidigten. Zwei Oppositionspolitiker wurden ermordet.

Ennahda trat schließlich zurück und machte den Weg frei für eine demokratische Verfassung und Neuwahlen. Tunesien ist, und das wird oft in seiner Bedeutung unterschätzt, bis heute das einzige Land der arabischen Welt, in dem der Aufbruch des Jahres 2011 nicht in blutiges Chaos mündete und/oder mit der Rückkehr diktatorischer Machthaber endete.

Die Probleme sind damit nicht gelöst. Viele Tausend Tunesier haben seit den Tagen der Revolution ihre Arbeit verloren. Vor allem der Tourismus, der einmal sieben Prozent der Wirtschaftsleistung ausmachte und rund 400.000 Menschen beschäftigte, leidet seit den Tagen der Revolution unter der Verunsicherung der Besucher. Mit den beiden tödlichen und eindeutig auf Touristen gezielten Angriffen auf das Bardo-Museum im März und den Badeort Sousse im Juni haben die Attentäter dem Land Schläge versetzt, von denen es sich vermutlich nur langsam erholen wird. Britische und französische Reiseveranstalter nahmen das Land aus ihren Programmen. Die deutschen folgten diesem Beispiel nicht, aber die Zahl der Besucher sinkt auch ohne solch drastische Maßnahmen.

War die Revolution von 2011 nicht doch ein Fehler? Ging es uns unter Ben Ali nicht besser? Solche Sätze hört man in Tunesien nun oft. Verständlich. Demokratie und Meinungsvielfalt bringen allein kein Essen auf den Tisch. Solche Verzagtheit schafft aber gefährlichen Raum für Anti-Terror-Gesetze, die die Freiheit auch friedlicher Bürger grob einschränken. Und die Absicht der amtierenden Regierung, mit einem Amnestiegesetz all jene straffrei zu lassen, die sich unter und mit der Hilfe Ben Alis schamlos bereicherten, wäre ein Schritt zurück zu alten Strukturen.

Das tunesische Dialogquartett hat sich mehrfach kritisch auch gegen dieses Gesetzesprojekt gewandt. Der Nobelpreis ist deshalb eine Botschaft an die Preisträger, unerschrocken auf ihrem oft mühsamen und auch von Rückschlägen gekennzeichneten Weg weiter zu gehen. Er ist aber auch ein Aufruf an die Regierenden, den Willen der Bevölkerung von 2011 zu respektieren und mit Reformen zu begleiten, die den Mut zu einem friedlichen Wandel honorieren. Und nicht zuletzt ist der Nobelpreis auch ein Appell an uns alle, die Leistung der Tunesier seit 2011 nicht gering zu schätzen oder gar im Strudel der vielen neuen Ereignisse zu vergessen.