ZEIT ONLINE: Mitten während der Flüchtlingskrise gewinnt die FPÖ erdrutschartig die Wahl in Oberösterreich und liegt in den Umfragen für die Wahl kommendes Wochenende in Wien fast gleichauf mit der SPÖ. Es klingt fast wie österreichisches Naturgesetz: Mehr Flüchtlinge ist gleich mehr Rechtspopulismus.

Markus Wagner: Wenn Fragen von Zuwanderung und nationaler Identität im Vordergrund stehen, dann hilft das tatsächlich Rechtspopulisten, weil sie die Meinungen vieler Wähler widerspiegeln. Die meisten Leute teilen die Positionen der FPÖ dazu.

ZEIT ONLINE: Sie meinen, der Großteil der österreichischen Bevölkerung sei latent rassistisch?

Wagner: So plakativ würde ich das nicht sagen. Aber die Österreicher sehen Zuwanderung negativ, das ist eigentlich ein Konsens. Es gibt wenige Leute im Land, die gegenüber Einwanderung positiv eingestellt sind. Die einzige Partei, die klar die ablehnende Haltung vertritt, ist die FPÖ.

ZEIT ONLINE: Was erwarten sich die Wähler von der Partei?

Wagner: Es ist natürlich eine Protestwahl, wobei der Protest einen ideologischen Kern hat. Man ist mit der Regierungsarbeit unzufrieden und will, dass sich die Politik ändert. Es ist nicht nur einfache Unzufriedenheit, sondern auch eine Richtungswahl.

ZEIT ONLINE: Das Nachrichtenmagazin Profil beschrieb FPÖ-Wähler verächtlich als die "hässlichsten Menschen Wiens", sie gelten als die Verlierer der Gesellschaft aus der Unterschicht. Viele leben aber zum Beispiel im Gemeindebau in Wien und profitieren demnach von sozialdemokratischen Errungenschaften. Warum wählen sie trotzdem FPÖ?

Markus Wagner ist Politologe am Fakultätszentrum für Methoden der Sozialwissenschaften der Universität Wien. Er studierte in an der London School of Economics und der University of Warwick und ist an der Austrian National Election Study beteiligt, der bislang größten universitären Studie über das Wahlverhalten. © Universität Wien

Wagner: Das Bild stimmt nicht. FPÖ-Wähler sehen sich höchstens selbst als Verlierer, gehören aber nicht zur Unterschicht. Sie sind allerdings unzufrieden mit der Situation im Land sowie mit der eigenen Situation und fühlen sich in ihrer wirtschaftlichen Existenz bedroht. Sie haben oft Abstiegssorgen und das Gefühl, aus der Globalisierung und der modernen Welt keinen Nutzen ziehen zu können.

ZEIT ONLINE: Jede Untersuchung zeigt, dass FPÖ-Wähler eher aus den unteren Einkommensklassen kommen.

Wagner: Es gibt aber keinen perfekten Zusammenhang zwischen Einkommen und FPÖ-Wählern. Sie sind auch in den oberen Einkommensgruppen zu finden...

ZEIT ONLINE: ...aber doch nicht in einem vergleichbaren Ausmaß.

Wagner: Nein. Ein strengeres Asylsystem wird aber zum Beispiel von allen Einkommensklassen befürwortet. Höhere Einkommensgruppen wählen jedoch nicht danach. Für die sind andere Themen wichtig. Diese Menschen fühlen sich nicht durch Zuwanderung bedroht.

ZEIT ONLINE: Haben FPÖ-Wähler vor allem Angst?

Wagner: Nein, Ärger und Zorn sind die viel stärkeren Emotionen. Das hat sich auch bei den Umfragen nach der Wahl in Oberösterreich gezeigt: Jene Wähler, die über die Flüchtlingssituation und -politik verärgert waren, haben FPÖ gewählt und zwar überwältigend. Das waren aber Leute, die auch vorher schon verärgert waren, die also sowieso dorthin tendiert haben.

ZEIT ONLINE: In internationalen Medien wurde über den Kantersieg des Rechtspopulismus in der österreichischen Provinz berichtet. Ein Weckruf für die EU?

Wagner: Das wäre übertrieben. Wenn ich eine Zahl nennen müsste, würde ich sagen, dass fünf Prozent der FPÖ-Stimmen durch die Flüchtlingskrise dazugekommen sind. Man darf die spezifisch österreichische Situation mit der Großen Koalition, mit der starken Politikverdrossenheit und der starken Anti-EU-Haltung nicht einfach auf andere Länder ummünzen. Auch wenn im Sommer kein einziger syrischer Flüchtling über die Grenze gekommen wäre, hätte es einen annähernd so hohen FPÖ-Erfolg gegeben.