Rechte bei einer Demonstration gegen muslimische Flüchtlinge in Warschau © JANEK SKARZYNSKI/AFP/Getty Images

Die beiden jungen Männer marschieren in der ersten Reihe der Anti-Flüchtlingsdemonstration. Sie heben den Arm zum Hitlergruß und schreien: "Freies Polen ohne Islam!". Der Protestzug fand in Łódź statt, wo die Nazis während des Zweiten Weltkriegs mehr als 145.000 Juden ermordeten. Angeführt wurde er von Hooligans, die sich normalerweise spinnefeind sind und prügeln.

In Wrocław (Breslau) wurde eine ähnliche Demonstration letzte Woche vom sogenannten National-Radikalen Lager veranstaltet, einer rechten Organisation die offen nationalistisch und antisemitisch auftritt. "Das weiße Europa geht den Bach runter! Wir werden von den jüdischen Imperialisten regiert. Die, die jetzt kommen schlachten uns alle ab!", sagte ein junger Mann vor den ungefähr 4.000 Teilnehmern. Eine junge Rednerin rief: "Wenn die Islamisten da sind, dann werden sie nicht zögern, uns Frauen zu vergewaltigen."

Polen ist radikalisiert wie lange nicht mehr. Es ging richtig los, als sich die Regierung in Warschau vor zwei Wochen bereiterklärte, 7.000 Flüchtlinge bis 2017 aufzunehmen. Das löste einen regelrechten Proteststurm aus, bis jetzt gab es 26 Demonstrationen gegen die Entscheidung der Regierung. Mitte September marschierten in Warschau 7.000 Nationalisten durch Warschau. Zur Gegendemo kamen nur halb so viele Teilnehmer.

Und es sind längst nicht nur Ultrarechte, die demonstrieren. Es kommen auch Familien mit Kindern, und sogar Ältere rufen antimuslimische Parolen. Noch heftiger tobt sich der Protest und Hass im Netz aus. Auf vielen Internetforen wimmelt es von Gewaltaufrufen. Die linksliberale Zeitung Gazeta Wyborcza hat von einem Fall berichtet, wo ein User forderte, man sollte die Flüchtlinge, die nach Polen kommen, am ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz unterbringen. Ein anderer schrieb, er kenne sich beruflich mit Gasinstallationen aus, da könne er doch "alles vorbereiten". Die meisten jedoch, die im Netz gegen die Aufnahme von Muslimen wüten, sind keine Rechtsradikalen, sondern einfache, durchschnittliche Leute: Angestellte, Väter, Unternehmer.

"Wir sind nie eine sehr offene Gesellschaft gewesen", sagt der Sozialpsychologe Janusz Czapiński. Er beobachtet, dass sich viele Polen nicht nur von fremden Kulturen distanzieren, sondern auch von Ausländern, die in Polen leben. "Diese Einstellung ändert sich nur dann, wenn die Leute direkt davon profitieren; zum Beispiel von einer Ukrainerin, die als Putzfrau schwarz arbeitet und deshalb billiger als die anderen ist. Dann stört auch niemanden mehr, dass sie aus dem Ausland kommt", so Czapiński.

Theoretisch erklären sich die meisten Polen bereit, Flüchtlinge aufzunehmen. 56 Prozent sagten in einer Umfrage Anfang September, es sei eine Frage der Moral, den Syrern zu helfen. Doch wenn es darum geht, Unterkünfte und konkrete finanzielle Hilfen bereitzustellen, waren nur 16 Prozent dafür.

Eine bedeutende Rolle spielt dabei die Angst vor dem Islam. Offiziell sind noch immer mehr als 90 Prozent der Polen katholisch, das prägt die Gesellschaft bis heute. Und die katholische Kirche verhält sich ähnlich wie der Durchschnittsbürger: Sie ist zwar dafür, den Flüchtlingen zu helfen, wenn es aber um Konkretes geht, dann rufen die Vertreter der Kirche den Staat auf, sich mit dem Problem zu beschäftigen. So sieht das auch der Warschauer Erzbischof Henryk Hoser, der sagte, ohne die Hilfe des Staates gehe es nicht.