Da ist er ja, unser Wolodja, sagt Viktor, der Pizzafahrer, als er das Gesicht seines Präsidenten im Fernsehen sieht. Wladimir Putin spricht gerade vor der UN-Vollversammlung über das Versagen der USA im Kampf gegen den Terrorismus in Syrien. Viktor und seine Kollegen aus einer Pizzabäckerei am Rande von St. Petersburg warten auf Auslieferungen und vertreiben sich die Zeit. "Schaut ihn euch an", sagt Viktor, "die ganze Welt macht jetzt einen Bückling vor ihm. Dieser Teufelskerl!" Die anderen Männer nicken beifällig.

In Viktors Stimme schwingt eine Bewunderung mit, die Millionen einfache Russen teilen. Russland zählt wieder etwas in der Welt, das haben sie, so glauben sie, ihrem Präsidenten zu verdanken, eine Labsal für den gedemütigten Nationalstolz, der durch den Zerfall der Sowjetunion so gelitten hat. Die alte Größe der einstigen Supermacht ist wieder da, das vermittelt Putin in jedem seiner Auftritte. Kann es einen besseren Beleg dafür geben als die allseitige Kritik an der expansionistischen Außenpolitik des Kremls aus dem Westen? Es ist eine Botschaft, auf der fast die gesamte Berichterstattung des Staatsfernsehens in den letzten Monaten beruht, wenn es um internationale Angelegenheiten geht. Der militärische Einsatz in Syrien ist ein weiterer Höhepunkt. Eine Art Fortsetzung und Konsequenz der Ukraine-Krise, in der sich die meisten Russen trotz allem als Gewinner sehen.

Doch einen grundsätzlichen Unterschied zwischen Syrien und Ukraine gibt es und er dürfte auch den Beratern von Wladimir Putin nicht entgangen sein. Die Krise im Nachbarland wurde von den Russen weitgehend als ein innerukrainischer Konflikt gesehen, bei dem Putin lediglich geschickt ein paar Hebel in Gang gesetzt hat, um die vermeintlichen Interessen des eigenen Landes zu wahren. Den Einsatz eigener Truppen im Kampfgebiet leugnet der Kreml bis heute stets vehement. Die Zustimmung und die Freude vieler Russen über die Annexion der Krim beruhte gerade auf deren Unblutigkeit. Im Fall Syrien muss der Kreml nun aber eine offene, gefährliche Militäraktion in einem fernen Land verkaufen.

Das Problem ist, dass hier die scheinbar blinde Begeisterung der Russen für ihre politische Führung schnell aufhört, wie jüngste Umfrageergebnisse andeuten. Einer Studie der Meinungsforscher vom unabhängigen Levada-Institut zufolge sprechen sich derzeit 69 Prozent der Befragten gegen eine Entsendung von Truppen nach Syrien aus. Nur eine Minderheit von 14 Prozent ist für ein direktes militärisches Eingreifen. Selbst beim Thema Waffenlieferungen ist die öffentliche Meinung beinahe in gleich große Teile gespalten.

Die aktuellen Luftangriffe dürften aktuell zwar noch auf Zustimmung stoßen, erklärt Denis Wolkow, Soziologe beim Lewada-Institut. Niemand habe jedoch ein Interesse daran, seine Söhne in den Krieg in Syrien zu schicken. "Die Russen wollen in gewisser Weise ihren Großmachtstatus zum Nulltarif", erklärt der Meinungsforscher. Die Propaganda könne zwar sehr effektiv und präzise bestehende Befindlichkeiten reanimieren, etwa den Geltungswunsch in der Weltpolitik oder die Meinung, die Krim sei eigentlich ein Teil Russlands. Beide Gedanken schlummerten bereits seit Mitte der Neunziger in den Köpfen der Menschen. Ein Krieg mit einem spürbaren Blutzoll könne man der Bevölkerung aber nicht schmackhaft machen. Putin hat das Volk hier nicht an seiner Seite.

"Die Euphorie dürfte im Syrienkonflikt deutlich geringer ausfallen als im Zuge der Ukraine-Krise", meint Wolkow. Denn bereits die Studien im Zuge der russischen Intervention im Nachbarland haben gezeigt, dass eine offene Einmischung jenseits der Krim, oder gar ein Einmarsch im Osten der Ukraine, keine Zustimmung in der Bevölkerung gefunden hätte.

Die letzten Kriege wirken noch nach

Die eigentümliche Mischung aus Hurra-Patriotismus und einer Ablehnung von großen Militäreinsätzen wirkt auf den ersten Blick bizarr. Doch sie wurzelt in der jüngeren Geschichte, in der das Land nicht nur den Verlust seines alten Status als Supermacht verkraften musste, sondern auch opferreiche Kriege geführt hat. Das war zum einem das Debakel des Afghanistan-Einsatzes, der in den Achtziger Jahren mindestens 15.000 Soldaten das Leben gekostet und eine noch höhere Anzahl an Verwundeten und Traumatisierten eines würdigen Lebens beraubt hat. Noch besser in Erinnerung sind die beiden Tschetschenien-Kriege, in denen unterschiedlichen Schätzungen zufolge allein auf russischer Seite mehr als 10.000 Soldaten starben. Einsätze, in denen auch der Ruf der eigenen Armee massiv gelitten hat. Erst langsam erholt der sich wieder.

Beobachter streiten sich darum, inwieweit die Kriegsskepsis der Bevölkerung den Handlungsspielraum von Präsident Putin einschränkt. "Die Russen sind zwar generell gegen großangelegte Militäraktionen", meint etwa Sergei Kriwenko, Mitglied im Menschenrechtsrat beim russischen Präsidenten. Die Staatsführung treffe aber nicht selten Entscheidungen, die die öffentliche Meinung nicht berücksichtigten.

Experte Wolkow dagegen ist sich sicher, dass die Staatsführung das richtige Narrativ treffen werde. "Die meisten wissen sehr wenig, was da genau im syrischen Bürgerkrieg passiert", meint er.  In den Abendnachrichten wirkt der Krieg derzeit noch wie ein Computerspiel. Videoaufnahmen zeigen, wie russische Flugzeuge angebliche IS-Stellungen mit Präzision unter Beschuss nehmen. Bilder, die man von amerikanischen Einsätzen im Irak kannte. Das ganze werde derzeit unter dem Mantel einer Friedensmission verkauft, sagt Wolkow. Genau das, was die Zuschauer eben sehen wollen.