Jetzt also auch noch die Kurden. Lange wurden sie als die einzigen verlässlichen Bündnispartner in Syrien gefeiert, daher wiegen die jüngsten Vorwürfe von Amnesty International umso schwerer. Die Menschenrechtsorganisation sieht die Regierungspartei der kurdischen Autonomieregion in Nordsyrien verantwortlich für Menschenrechtsverletzungen und Kriegsverbrechen an Arabern, Turkmenen und selbst Kurden. Ganze Dörfer sollen systematisch zerstört worden sein, Tausende vertrieben und bedroht. Die regierende Partei der kurdischen Autonomie, genannt Rojava, rechtfertigt die Maßnahmen als militärisch notwendig.

Derartige Vorwürfe sind nicht neu. Bereits im Juni klagten arabischstämmige syrische Rebellen über "ethnische Säuberungen", die von der kurdischen Partei der demokratischen Union (PYD) koordiniert und von deren Militäreinheiten (YPG/YPJ) ausgeführt würden. Kurz vorher hatten die kurdischen Milizen mithilfe der amerikanischen Luftwaffe die Region Tal Abyad (kurdisch: Girê Sibî) eingenommen, ein weiterer Schlag gegen die Terrorgruppe "Islamischer Staat" (IS).

Anders als in Kobani besteht die Bevölkerung in Girê Sibî jedoch nicht hauptsächlich aus Kurden, sondern auch aus arabischen und turkmenischen Gruppen. In ihrem jüngsten Bericht gibt Amnesty International an, die Lage in Städten und Dörfern in Rakka und Hassaka untersucht zu haben. Zur Orientierung: Girê Sibî gehört zum Gouvernement Rakka und liegt direkt an der türkischen Grenze. Hassaka, der größte und reichste Kanton der kurdischen Selbstverwaltung in Syrien, befindet sich weiter östlich nahe der Grenze zum Irak.

Araber unter Generalverdacht

In den Quellen lässt sich keine Antwort darauf finden, ob die Kurden in Syrien willkürliche Menschenrechtsverletzungen an Arabern und Turkmenen begangen haben oder die Maßnahmen "militärisch notwendig" waren. Klar ist aber: In Syrien herrscht Krieg. Und die verschiedenen Kriegsparteien verfolgen allesamt eigene Interessen. Sie lassen sich auch nicht uneingeschränkt beeinflussen von mächtigen Mitspielern von außen, wie den USA, Russland oder Europa. Die Kurden in Rojava kämpfen in erster Linie für die Kurden in Rojava und somit gegen die Terroristen des IS. Zwar bemüht sich die regierende PYD, offiziell ein gemäßigtes, pluralistisches und demokratisches Parteiprofil zu wahren, faktisch agiert sie gerade – gezwungenermaßen – als Kriegspartei. Ihre Einheiten kämpfen allenfalls mit, aber niemals für die USA oder den Rest des Westens, der Waffen auf die eine und Bomben auf die andere Seite des Konflikts werfen lässt in der Hoffnung, er möge sich auf diese Weise lösen.

Sehr zum Ärger der Türkei und vieler syrischer Rebellengruppen, aber sehr zur Freude Russlands positioniert sich die kurdische Partei PYD auch nicht gegen den syrischen Diktator Baschar al-Assad. In einem Interview mit Al-Monitor sprach sich Salih Muslim, der Co-Vorsitzende der PYD, sogar für eine "Periode des Übergangs" aus, in der Assad im Amt bleiben solle, bis die verschiedenen Konfliktparteien im Dialog eine Lösung gefunden hätten. Die Linie der PYD ist einheitlich: Sie kämpfe an der Seite aller, die sie im Krieg gegen den IS unterstützten, so Muslim. 

Unabhängig von Mutmaßungen zu inoffiziellen Präferenzen wie den engen Kontakt zur Schwesterorganisation PKK in der Türkei lässt sich diese Devise der Zweckbeziehungen in den letzten beiden Jahren verfolgen. Von daher führt der Begriff "ethnische Säuberung" im kurdischen Kontext in die Irre. Wäre die Ethnie oder die Religion der entscheidende Faktor, ließen sich derartige Verbrechen wohl leichter beweisen.

Doch die Situation in Syrien ist wesentlich kleinteiliger. Zum einen hat sich die politische Konkurrenz zwischen arabischen und kurdischen Vertretern seit den Kämpfen in Girê Sibî enorm verschärft. Viele Araber fürchten, von den Kurden ausgespielt zu werden und aus politischen Entscheidungen ausgeschlossen zu werden. Die Kurden wiederum verdächtigen teilweise pauschal alle Araber, potenziell mit den IS-Milizen zu kooperieren oder zumindest zu sympathisieren. Diesen Aspekt geben kurdische Verantwortliche meist auch an, wenn sie sich zu Verhaftungen oder Evakuierungen äußern. Dass jene in einer Kriegssituation rational, gerechtfertigt und menschenwürdig ablaufen, ist unwahrscheinlich. So schrieb die prorebellische Internetseite alsouria.net beispielsweise bereits Anfang August von 5.000 Menschen, die von kurdischen Milizen gezwungen worden seien, die Stadt Sirin in der nördlichen Region Aleppos zu verlassen.