Russland verstärkt mit Luftangriffen das Chaos in Syrien, heißt es in der New York Times. Das mag so sein. Aber man kann es auch umgekehrt sehen. Vielleicht verklart die Intervention die Dinge auch. Die Fronten in diesem schrecklichen Krieg werden deutlicher.

Die russische Militärintervention in Syrien verändert das Gleichgewicht in dem vierjährigen Konflikt. Im Spätsommer war das Ende des Diktators Baschar al-Assad absehbar. Er war belagert in Damaskus, eingekesselt in Aleppo und bedrängt in der Mittelmeerregion um Latakia. Seine Milizen waren demoralisiert und geschwächt. Russland rettet mit seiner Militärintervention am Boden, zu Wasser und in der Luft den alawitischen Diktator, dem der Sturz drohte oder zumindest der in Verhandlungen festgelegte Abschied von der Macht. Er ist noch mal davongekommen.

Die russischen Strategen haben ihre Deckung verlassen. Für vier Jahre wusste man nicht genau, ob Assad seine Stärke nun mehr russischen Waffenlieferungen oder iranisch-schiitischen Milizen an seiner Seite verdankte. Nun ist klar, warum Assad in den nächsten Wochen das Territorium seines Alawitistans ausdehnen wird. Russland schwingt sich nicht nur zu seinem Protektor auf, sondern es geht auch für ihn in den Krieg. Russische Truppen verstärken Assads Regimemilizen im Kampf gegen die Opposition, russische Boden-Luft-Raketen und Jagdflugzeuge könnten demnächst auch Fassbombenangriffe des Regimes gegen die Zivilbevölkerung absichern.



Kampf gegen den IS hat keine Priorität

Doch sagt Moskau nicht, es kämpfe gegen die Henker des sogenannten "Islamischen Staats"? Sicherlich. Russische Kampfjets werden in den nächsten Wochen bestimmt auch Stellungen von IS-Milizen bombardieren. Aber das hat nicht Priorität. Zunächst einmal geht es um die Gegner des Regimes ganz generell. Einige davon sind mit Saudi-Arabien verbündet, einige mit der Türkei, einige mit den USA. Dazu kommt die Nusra-Front, das lokale Franchiseunternehmen von Al-Kaida. Sie alle aber kämpfen auch mehr oder weniger gegen die IS-Schergen.

Damit übernimmt Russland Verantwortung. Für Assads Art der Kriegführung, für seine Verbrechen, für die Lage der Dinge in Syrien. Russland ist nicht mehr nur Schutzmacht, Russland ist Kriegspartei in Syrien geworden. Assad wird so allmählich zur Nebenfigur. Wladimir Putin baut in der Provinz Latakia seine Festung am Mittelmeer.

Für die sunnitische Welt zeigt Russland nun sein Gesicht. Es ist bereit, den alawitischen Diktator zu schützen, koste es die Syrer, was es wolle. Wenn es weiter sunnitische Oppositionskräfte jenseits des IS attackiert, wird es eine Welle der Empörung arabischer Sunniten gegen Russland geben. Schon jetzt wächst die Wut in den arabischen Golfstaaten, aber auch in der Türkei auf Russland. Das sollten auch jene im Westen wissen, die jetzt die Umarmung der Russen als "Stabilitätsanker" empfehlen.

Wir haben also klare Frontlinien. Hier Russlands Armee mit den Milizen Irans und Assads in Damaskus und Latakia. Dort die von den Golfarabern und Türken unterstützten Oppositionsgruppen im Nordwesten. Zwischen ihnen könnte es nun in den nächsten Wochen zu einer Entscheidungsschlacht um den Nordwesten kommen. Russland und Assad könnten versuchen, die lästige Nicht-IS-Opposition zu beseitigen, damit die Alternative endlich heißt: Russland/Assad oder der IS. In der Zwischenzeit werden Moskauer Truppen sicher auch IS-Milizen angreifen, aber bis Freitagmorgen lag da eben nicht der Schwerpunkt der russischen Luftangriffe.

Für den Westen wird alles heikler. Einerseits wird es gefährlich, moderaten Oppositionsgruppen zu helfen, die von Russland bekämpft werden. Daraus könnte ein russisch-westlicher Sonderkonflikt in Syrien entstehen. Andererseits würde der Westen ohne Not zum Sunnitenfeind gestempelt, wenn er sich nun aus Stabilitätssehnsucht hinter Moskaus Krieg stellt. Man darf Putin nicht stützen, aber reden muss man trotzdem mit ihm. Schon allein um militärische Zusammenstöße amerikanischer und russischer Kampfjets in Syrien zu verhindern, um die Russen von der endgültigen Zerstörung der moderaten Opposition abzuhalten, um die Chancen für Verhandlungen zwischen dem Regime und eben dieser Opposition auszuloten. Dafür haben die UN jetzt schon vier Arbeitsgruppen gebildet.

Wer mit dem syrischen Regime reden will, braucht sich übrigens nicht mehr für alle Fragen mit dem aussätzigen Assad einzulassen. Die neue Telefonnummer für die alawitische Festung in Syrien beginnt mit 007 495 – das ist die Vorwahl von Moskau. Bei Beschwerden bitte anrufen.

Videografik - Die russisch-syrischen Beziehungen Während Russland am syrischen Machthaber festhält, fordert der Westen seine Ablösung. Dieses Video erläutert die Hintergründe der engen russisch-syrischen Beziehungen.