Während Westeuropa mit Quoten die Aufnahme von Flüchtlingen aus Syrien, Afghanistan und Eritrea zu regeln versucht, nimmt die Krise im Osten der Ukraine ihren stillen Verlauf. Anderthalb Millionen Binnenflüchtlinge suchen eine sichere Bleibe, dazu etwas, das sie ernährt. Perspektive ist hier ein zu großes Wort. Seit der vereinbarten Waffenruhe zum Schulbeginn am 1. September sind Schüsse tatsächlich fast nur noch von Übungsplätzen her zu hören. Die Anspannung in den frontnahen Gebieten entlang der Grenze zur sogenannten Luhansker Volksrepublik (LVR) steht Bewohnern und den Soldaten der ukrainischen Armee jedoch weiterhin ins Gesicht geschrieben und ist an jedem Checkpoint überdeutlich zu spüren. Viele der Siedlungen und Dörfer entlang der Demarkationslinie erlebten seit anderthalb Jahren permanenten Beschuss. Die letzten heftigen Kämpfe fanden am 23. August unmittelbar vor dem ukrainischen Unabhängigkeitstag statt. Waffenruhe? Die ist nicht die erste, sagen die Bewohner, warum soll ausgerechnet diese halten? Für sie jedenfalls kein Grund, sich in Sicherheit zu wiegen.

Zolotoe – die Goldene: die Ortsnamen in dieser Gegend wollen oft so gar nicht zum ärmlichen Erscheinungsbild passen. Ein ukrainischer Menschenrechtsaktivist in unserer Beobachtermission kommentiert diesen Fakt mit den Worten: Je abweisender eine Ortschaft, desto poetischer ihr Name. Zolotoe ist ein Konglomerat aus fünf im 19. Jahrhundert um Kohleminen herum entstandenen Siedlungen, die durchnummeriert zu einer Verwaltungseinheit mit insgesamt 14.000 Einwohnern zusammengefasst wurden. Die Zolotoe eins bis vier liegen auf ukrainisch kontrolliertem Gebiet, Zolotoe fünf ist bereits Teil des Rebellengebiets. Über die Frontlinie hinweg huschen täglich bis zu vierhundert Fußgänger, beladen mit großen Taschen. Eine junge Frau, die sich als Freiwillige einer humanitären Organisation outet, gibt im Weitergehen und hinter vorgehaltener Hand Auskunft: sie bringe ihrer Mutter, die sie seit Monaten nicht gesehen habe und die "auf der anderen Seite" lebt, Gemüse und Obst aus dem Garten.

Der Frontverlauf hat Familien und Ökonomien geteilt. Ob man hüben oder drüben wohnt, ist vor allem eine Frage des Wohnraums. Während die einen zwar eine Wohnung, aber keinen Job haben, weil der nun drüben und unerreichbar ist oder die Betriebe stillgelegt sind, leben die anderen in den Resten ihres zerstörten Hauses, aber könnten mit den Erträgen aus ihren Gemüsegärten die Verwandten auf der anderen Seite miternähren. Die Lebenshaltungskosten in der isolierten sogenannten LVR sind drei bis vier Mal höher, auch daraus erklärt sich der hochriskante Lebensmitteltransfer über die grüne Grenze.

Ganz ähnlich stellt sich die Situation in der Kreisstadt Stanyzja Luhanska dar, ebenfalls direkt an der Demarkationsgrenze und nicht weit von Luhansk entfernt. Vor dem Krieg lebten hier etwa 15.000 Einwohner, bei einer Zählung Mitte August registrierte das Internationale Rote Kreuz noch 7.200. Wegen des häufigen Beschusses leben kaum Binnenflüchtlinge hier. Zu Friedenszeiten versorgten die Bewohner aus dem ländlichen Umkreis von Luhansk die Stadt mit ihren Erträgen aus der Landwirtschaft. Während in diesem Jahr die Erdbeerernte noch zu Geld gemacht werden konnte, ist Kürbissen, Tomaten und Weintrauben der Weg durch die inzwischen vollständig geschlossene Grenze verwehrt. Damit ist für viele die einzige Einkommensquelle verloren gegangen.

Wie in Krisenzeiten üblich, haben ein paar Zwischenhändler ihre Chance erkannt und kaufen den Landwirten ihre schnell verderblichen Waren zu Dumpingpreisen ab, um sie über Schlaglochpisten und durch Dutzende Checkpoints hindurch auf den Markt ins 130 Kilometer entfernte Sjewjerodonezk zu bringen. Die Stadt ist das neue Verwaltungszentrum, sämtliche Behörden und zahlreiche Nichtregierungsorganisationen sind hierher umgezogen, nachdem Luhansk von Separatisten eingenommen wurde. Allabendlich bei Einbruch der Dunkelheit lässt sich jedoch in Stanyzja Luhanska an der halb zerstörten Brücke, die zur sogenannten LVR führt, ein seltsames Schauspiel beobachten. Dutzende Frauen, Kinder und alte Menschen warten mit großen Taschen darauf, von den ukrainischen Grenzern zu Fuß über die Brücke auf die andere Seite gelassen zu werden. Der Weg ist gefährlich, die Grenzer wollen die Verantwortung nicht übernehmen, denn immer wieder gibt es Tote durch Minen und Scharfschützen. Aus Mitleid lassen sie Wartende, die zu ihren Verwandten und ihren Wohnungen drängen, dann und wann hinüber. Die Schließung des Grenzübergangs im Sommer hatte ihren Sinn darin, dass der Transfer von Waffen und Kämpfern zwischen den Gebieten unterbunden werden sollte. Wenn die Grenzer im Angesicht von bittenden Mütterchen dennoch immer mal ein Auge zudrücken, gehen sie auch das Risiko von Anschlägen ein.

Als derzeit größtes Problem bezeichnet die Stadtverwaltung von Stanyzja Luhanska die Desinformation der Bevölkerung in den frontnahen und besetzten Gebieten durch das russische Fernsehen. Polen hatte zu Beginn der Annexion der Krim Sendemasten und –anlagen für die Ostukraine zur Verfügung gestellt, um dort ukrainisches Fernsehen zu installieren. Ein Jahr später liegt die gespendete technische Ausrüstung noch immer im Zoll. Bis heute hat es die Ukraine nicht vermocht, der übermächtigen russischen Einflussnahme im Osten des Landes ein eigenes flächendeckendes Informationsprogramm entgegenzusetzen. Das wenige Vertrauen in ihre Institutionen setzt sie überdies aufs Spiel, indem sie bei Fehltreffern der ukrainischen Armee ihre Verantwortung dafür abstreitet. So geschehen bei einem Luftangriff vor einem Jahr auf die Polizeistation von Stanyzja Luhanska, in der sich angeblich Separatisten aufhielten. Die waren längst weitergezogen. Getroffen wurden stattdessen Dutzende Zivilisten und Polizisten.

Die Hügel, die vom Fenster der Stadtverwaltung her zu sehen sind, gehören schon zur sogenannten LVR. Ein schnelles Foto, dann wird die Gardine wegen möglicher Scharfschützen wieder zugezogen. Der Zusatz "sogenannte" wird niemals, auch nicht aus Bequemlichkeit, weggelassen. Prinzipien sind ein tragendes Element in dieser Auseinandersetzung. Auf T-Shirts, Panzersperren, Werbetafeln liest man Slogans wie "Donbass – das ist die Ukraine!" oder "Von Tschop bis Luhansk – vereinigte Ukraine!". Die von den Separatisten mit russischer Unterstützung okkupierten Territorien werden nicht als verloren akzeptiert. Vergleichbar der Berliner Mauer wurde hier eine Sperre mitten durch Familien hindurchgezogen. Die meisten Männer im wehrfähigen Alter sind abgetaucht, denn eine Einberufung hätte zur Folge, dass sie auf ihre Verwandten schießen müssten.

"Wenn der Russe will, kann er uns jederzeit plattmachen"

Obendrein ist ein Großteil der arbeitsfähigen Bevölkerung in die westlicher gelegenen Städte wie Charkiw, Saporischschja oder Kiew abgewandert. Dort werden Fachkräfte gern genommen. Geblieben sind Rentner und mittellose Familien, die sich mit humanitärer Hilfe vom Internationalen Roten Kreuz oder von ukrainischen Hilfsorganisationen über Wasser halten. Die ehemals dreißig Unternehmen im Umkreis, deren Produktion zu einem wesentlichen Teil nach Luhansk ging, haben ihren Betrieb wegen des weggebrochenen Absatzmarktes eingestellt. Den Fischbetrieben fehlte die Wasserzufuhr, der Weizen ist beim Beschuss verbrannt, Felder konnten wegen Minen nicht rechtzeitig bestellt oder abgeerntet werden.

In dieser Ausnahmesituation ist die Stadtverwaltung bemüht, die Schwächsten der Dagebliebenen aus ihrem im Vergleich zur Vorkriegszeit auf die Hälfte geschrumpften Etat zu unterstützen. Kompensationsleistungen gibt es allerdings nur für die Außenschäden am kommunalen Wohnraum. Die vielen Dorfbewohner, die durch den Beschuss ihre Eigenheime verloren haben, bekommen vom Staat keinerlei Entschädigung. Sie leben nun in feuchten Schuppen oder Lagerräumen, die auf ihrem Grundstück die Angriffe überstanden haben, oder sind bei Verwandten untergekommen. Von Granatsplittern durchsiebte Eingangstore, eingestürzte Dächer, herabhängende Decken, Bombentrichter im Gemüsebeet – die Spuren des Krieges sind allgegenwärtig. Fragt man, von wo der Beschuss kam, zeigen die meisten Anwohner in alle Richtungen: Es krachte, dröhnte und prasselte von allen Seiten. Von politischen Aussagen halten sich die Allermeisten zurück, zu groß ist die Angst vor Repressalien, denn niemand weiß, wer morgen über dieses Stück Land herrscht.

An der Staatsgrenze zu Russland allerdings sind sich die Bewohner mehrerer Dörfer allesamt einig: Im Sommer 2014 kam der Beschuss aus Mehrfachraketenwerfersystemen, aus Minenwerfern und Artillerie vom russischen Territorium aus. Ein Anwohner führt uns zu einer im Wald liegenden 122 mm Haubitze, die jederzeit explodieren könnte. Auf die Frage, warum sie nicht entschärft würde, antwortet ein Grenzsoldat, dass die Entschärfer ja auch Familie hätten. In diesem Dorf allein hat es inzwischen drei Minenopfer gegeben: Onkel Wasska trat auf eine, als er Holz für den Winter aus dem Wald holen wollte, Onkel Petja lief beim Angeln trotz Warnung am Flussufer auf eine Mine und Tante Schura starb bei einem Ausflug über die grüne Grenze nach Russland.

Nahe der russischen Staatsgrenze werden wir von ukrainischen Grenzsoldaten zu Suppe eingeladen. Die Stimmung unter den Männern ist verhalten. Die meisten von ihnen sind Freiwillige und im zivilen Leben Lehrer, Fahrer oder Bergarbeiter. "Wenn der Russe will, kann er uns jederzeit spielend plattmachen. Wir sind ein Welpe, der dem Dobermann gegenüber steht", sagt einer. Woher sie dennoch die Motivation zum Dienst nehmen? "Es gibt eine Pflicht. Wir sind alle Ukrainer und sprechen Russisch und Ukrainisch gleichermaßen, die Sprache ist keine Barriere und trennt uns nicht." Der Konflikt sei durch die russische Propaganda erst aufgebaut worden, 24 Stunden täglich Gehirnwäsche, irgendwann glauben die Leute halt dran. Da haben Geheimdienste ganze Arbeit geleistet. Wenn der Krieg der Ideologien schon im geteilten Deutschland funktioniert hätte, wo Verwandte auch auf beiden Seiten der Grenze lebten, warum solle das hier nicht ebenfalls möglich sein?" Der Frage, wie der Konflikt gelöst werden könnte, folgen Schweigen und Blicke ins Leere.