Der ehemalige Drohnenoperator Brandon Bryant beschreibt seinen früheren Beruf sehr kurz und prägnant: "Drohnenpiloten sind Menschenjäger", sagte er vor dem NSA-Untersuchungsausschuss des Bundestages. Solche Klarheit ist außergewöhnlich. Wenn es um den Krieg geht, der weltweit mit Drohnen geführt wird, versuchen alle Beteiligten – auch die deutsche Regierung –, jedes Detail zu verschleiern und zu verstecken. Sie wissen genau, was sie dabei tun, denn die Regeln dieses heimlichen Krieges sind menschenverachtend, illegal und zynisch.

Belege dafür gibt es seit Jahren. Das Investigativprojekt The Intercept hat mit seinen Drone Papers gerade noch viel mehr geliefert. Es fängt bei der Begründung an, warum überhaupt Drohnen eingesetzt werden, um in Ländern auf Menschen zu schießen, mit denen die USA offiziell keinen Krieg führen.

Capture or kill?

Die militärische Doktrin der Vereinigten Staaten im sogenannten Krieg gegen den Terror lautet Gefangennahme oder Tötung, auf englisch capture or kill. Doch bei Terroristen geht es grundsätzlich nicht darum, sie zu fangen und vor ein Gericht zu stellen, sondern sie im Zweifel zu töten. Dafür gibt es Einsätze von Kommandos am Boden. Der bekannteste ist die Operation Neptune's Spear, die Suche nach Osama bin Laden – der erschossen wurde, obwohl er wohl unbewaffnet war.

Doch sehr viel häufiger sind Drohneneinsätze. Auch für sie gilt offiziell die Doktrin capture or kill. Bei Tausenden von Drohneneinsätzen im Irak, Afghanistan, Pakistan, Somalia und Jemen starben Zehntausende Menschen – offiziell bei der Jagd auf islamistische Kämpfer. Doch einer Drohne kann man sich nicht ergeben, ein capture ist unmöglich.

Drastisch belegt The Intercept das mit dem Fall von Bilal al-Berdschawi. Mehrere Jahre lang wurde der britische Staatsbürger libanesischer Abstammung von britischen und amerikanischen Geheimdiensten beobachtet, weil er Kontakte zu Al-Kaida-Führern gehabt haben soll. Festgenommen wurde er nie, obwohl es genug Gelegenheit gab, er war oft in Großbritannien. 2012 dann erkannten ihm die Briten die Staatsbürgerschaft ab. Kurz darauf stand er auf der kill list der USA, auf der Liste der im Zweifel zu erschießenden Menschen. Am 21. Januar 2012 wurde sein Auto nördlich von Mogadischu in Somalia von einer Rakete getroffen und Al-Berdschawi getötet. 

Selbstverteidigung

Die Begründung dafür, dass die USA überhaupt in Ländern auf Menschen schießen, mit denen sie keinen Krieg führen, ist fragwürdig bis surreal. Die US-Regierung behauptet, sie führe einen Kampf gegen einen transnational non-state actor, einen nichtstaatlichen Akteur, der über Ländergrenzen hinweg handele. Sie sehen in Terrororganisationen wie Al-Kaida einen legitimen Kriegsgegner und wenden Kriegsrecht an, auch wenn kein Staat und keine Armee dahinterstehen. Jede Handlung sei eine Kriegshandlung. Man nehme nur das Recht auf nationale Selbstverteidigung wahr, lautet die Argumentation.

"Die Vereinigten Staaten haben das Kriegsparadigma missbraucht, um ihre Anti-Terror-Maßnahmen in einen neuen Zusammenhang zu stellen", sagte hingegen Alex Conte bei einer Sitzung des UN-Menschenrechtsrates im Oktober 2014. Conte ist Leiter International Law bei der International Commission of Jurists. Es müsse sehr genau geprüft werden, ob jede Situation, in der Drohnen eingesetzt würden, wirklich ein bewaffneter Konflikt sei. Denn sei er es nicht, seien die Menschenrechte das einzige Recht, das gelte.

Signature Strikes

Der englische Ausdruck signature strike ist eine Umschreibung für die Tatsache, dass viele der Drohnenangriffe auf Menschen geflogen werden, deren Identität niemand kennt. Zum Ziel werden sie, weil die US-Geheimdienste der Meinung sind, dass sie sich wie Terroristen verhalten. Wer in Somalia einen Kleinlaster fährt, mit dem Islamisten zuvor Waffen transportiert haben, ist im Zweifel in tödlicher Gefahr, wenn die Bildauswerter im Pentagon das Nummernschild wiedererkennen. Oder wer ein Haus betritt, in dem sich zuvor Kämpfer getroffen haben. Oder gar ein Mobiltelefon benutzt, mit dem zuvor ein lokaler Kommandeur telefoniert hat.

Der erste Drohnenschuss überhaupt war bereits ein solcher signature strike. Am 4. Februar 2002 nutzte die CIA zum ersten Mal eine bewaffnete Drohne, um gezielt auf einen Menschen zu schießen. Ein Pilot des Geheimdienstes steuerte eine MQ-1 Predator im Osten Afghanistans nahe der Stadt Chost. Sein Ziel war ein Mann, den die CIA für Osama bin Laden hielt. Begründung: Die Crew hatte einen ungewöhnlich großen Mann beobachtet, der von Umstehenden mit großer Ehrerbietung behandelt wurde. Bin Laden war mehr als 1,90 Meter groß. Die Hellfire-Rakete traf jedoch nicht ihn, sondern drei unschuldige Schrottsammler: Daras Chan, 31, Dschehangir Chan, 28, und Mir Ahmed, 30, hatten nach Resten von amerikanischen Raketen und Bomben gesucht, um das Metall zu verkaufen. Daras Khan war 1,80 Meter groß.

Das Pentagon bezeichnete die Toten danach als "legitimes Ziel". Gleichzeitig musste das Ministerium zugegeben, dass es keine Ahnung gehabt hatte, auf wen da eigentlich geschossen wurde. Solche signature strikes gibt es bis heute.

Eine nun von The Intercept veröffentlichte Studie des Pentagon konstatiert sogar, dass diese Taktik den eigenen Kampf erschwere, ja dass sie gar eines der Hauptprobleme des Drohnenprogramms sei. Viel zu oft überprüfe nach einer kill operation niemand am Boden, wer da getroffen worden sei, und niemand suche nach Informationen wie Papieren oder Computern oder Handys, heißt es darin. Dadurch aber entgingen den USA wichtige Hinweise auf künftige Ziele.

Military Aged Male

In der offiziellen Statistik der USA zu Drohnenopfern gibt es praktisch keine Zivilisten. Das liegt nicht daran, dass Drohnen so genau schießen und nur Kämpfer erwischen. Es liegt vielmehr daran, dass die US-Regierung jeden Toten als Feind betrachtet. Die Statistik kennt eigentlich nur zwei Kategorien. Erstens diejenigen, die auch wirklich auf einer kill list standen und getötet werden sollten. Sie werden zynischerweise jackpot genannt, Hauptgewinn. Und zweitens jene, deren Identität unbekannt ist und die unabsichtlich getroffen wurden. In der Statistik tauchen sie als enemy killed in action auf, abgekürzt EKIA, wie The Intercept belegt. Eine Kategorie wie Zivilisten, Unbeteiligte oder wenigstens Kollateralschaden gibt es nicht.

Dabei treffen Drohnen vor allem Unschuldige. Nichtregierungsorganisationen wie Amnesty International, Reprieve, Human Rights Watch oder das Bureau of Investigative Journalism haben in aufwändigen Projekten versucht, die Identität der Toten zu klären und sie zu zählen. Alle kamen zum gleichen schrecklichen Ergebnis: Dutzende, ja manchmal Hunderte Unbeteiligte sterben, wenn ein Terrorist gejagt wird.

Bei dem Versuch, Aiman al-Sawahiri zu treffen, den Chef von Al-Kaida, töteten Drohnenpiloten laut einer Studie von Reprive 76 Kinder und 29 Erwachsene. Aiman al-Sawahiri trafen sie nicht, er lebt noch immer.

Diese kaltschnäuzige Unterschlagung ziviler Opfer findet sich an vielen Punkten. So ist praktisch jeder männliche Mensch ein legitimes Ziel. Brandon Bryant schildert bei seiner Befragung im Bundestag, jeder männliche Jugendliche sei ein Kämpfer. Der Ausdruck der Armee für sie lautet military aged male – Männer im kampffähigen Alter. Die Altersgrenze dafür liegt laut Bryant bei zwölf Jahren. Schulkinder sind nach dieser Definition also Soldaten.

Für diese Haltung gibt es eine ebenso zynische Begründung. Bryant gab einige seiner früheren Kameraden wieder, die gesagt haben sollen, aus Kindern würden ja irgendwann Terroristen und man müsse "das Gras mähen, bevor es zu hoch wachse". 

Offenlegung: Der Autor hat zusammen mit dem Journalisten Thomas Wiegold ein Buch über Drohnen geschrieben.