Wrackteile des abgestürzten russischen Jets auf dem Sinai © Mohamed Abd El Ghany/Reuters

Im Rückblick waren sich viele Flugreisende einig. "Scharm al-Scheich ist das schlimmste Chaos, das ich bisher gesehen habe", urteilte eine ehemalige Stewardess, die privat zum Badeurlaub hier war. Mal streikte ein Transportband für die Koffer, sodass sich die abgefertigten Gepäckstücke vor den Abflugschaltern türmten. Frühmorgens um vier oder fünf Uhr, als auch die russische Unglücksmaschine abgefertigt wurde, mussten Touristen ägyptische Sicherheitsleute schon mal aus einem Nickerchen wecken, damit diese das Handgepäck kontrollierten. Oder die Feriengäste beobachteten Uniformierte hinter den Scannerschirmen, die seelenruhig in Handygespräche vertieft waren. Schlecht bezahlt, schlecht motiviert – die Leute sind vor allem daran interessiert, von den Touristen ein Trinkgeld zu ergattern, berichteten andere. "Kontrollen sehr lax", twitterte ein Brite, der kurz vor dem Unglücksflug von Scharm al-Scheich nach Hause flog. Er habe seinen Koffer selbst zum Frachtraum des Flugzeugs tragen müssen, weil kein Bodenpersonal vorhanden war. Als "unzureichend" qualifizieren Sicherheitsexperten des amerikanischen Think Tanks Stratfor dann auch die Kontrollen auf dem Ferienflughafen am Roten Meer.

Der spektakuläre Alarmruf des britischen Außenministers erreichte die Urlauber in den Ferienressorts auf dem Sinai am späten Mittwochabend. Eine Bombe an Bord des verunglückten russischen Ferienfliegers sei eine "signifikante Wahrscheinlichkeit", sagte Philip Hammond nach einer Sitzung von Cobra, dem nationalen Krisengremium, bei dem Premierminister David Cameron den Vorsitz hat. Cameron erklärte am Donnerstag, ein Anschlag sei wahrscheinlicher, "als dass es keiner war".

Auch Geheimdienstler aus den Vereinigten Staaten nannten gegenüber dem Sender CBS eine Bombe an Bord "höchst wahrscheinlich". Er habe "ein eindeutiges Gefühl, dass es ein Sprengkörper war, der im Gepäck oder anderswo im Flugzeug versteckt wurde", zitierte CNN einen Vertreter der US-Regierung, ohne seinen Namen zu nennen. Die Experten berufen sich unter anderem auf abgehörte Telefonate. Ein US-Aufklärungssatellit hatte zum Zeitpunkt des Unglücks einen Explosionsblitz aufgezeichnet. Der Flugschreiber wurde inzwischen ausgelesen, der Stimmenrekorder im Cockpit ist dagegen stark beschädigt. Bisher drang aus der Unfallkommission, der Experten aus Ägypten, Russland, Frankreich, Deutschland und Irland angehören, lediglich nach draußen, dass die aufgezeichneten Flugdaten schlagartig abbrechen und auf dem Band in den Sekundenbruchteilen des Absturzes ein "ungewöhnliches Geräusch" zu hören sei.

"Voreilig und ungerechtfertigt"

Ägypten und Russland reagierten auf die britischen Bombenwarnungen überrascht und verärgert. Das seien alles Spekulationen, ließ der Kreml erklären, und nannte das Vorgehen Londons "politisch motiviert". Ägyptens Außenminister Samih Schukri geißelte die Schlussfolgerungen als "voreilig und ungerechtfertigt" und kritisierte, sein Land sei vorab nicht konsultiert worden. Luftfahrtminister Hossam Kamal versicherte in Kairo, es gebe bisher keine Beweise für einen Terroranschlag. Die Sicherheitsprozeduren auf ägyptischen Flughäfen entsprächen internationalem Standard. Den Verdacht, Ägypten könne bei Metroflug 9268 etwas vertuschen, wies er von sich. Man lege entschiedenen Wert darauf, dass die Untersuchung akkurat und integer verlaufe. Alle Fakten würden offengelegt, um die Sicherheit der globalen Luftfahrt zu garantieren. Ägyptens Präsident Abdel Fattah al-Sissi begann derweil – überschattet von den neuen Sinai-Hiobsbotschaften – einen dreitägigen Staatsbesuch in England, der auf der britischen Insel politisch umstritten ist.

Die Terrorgruppe Provinz Sinai hatte bereits Stunden nach dem Absturz am Samstag in einer Internetbotschaft in sieben Sprachen behauptet, das Flugzeug mit "über 200 russischen Kreuzrittern" sei von "den Soldaten des Kalifates" über dem Sinai zerstört worden. Parallel dazu tauchte am gleichen Tag auf YouTube ein mysteriöses, inzwischen entferntes, etwa 90 Sekunden langes Video auf, auf dem – unterlegt von koranischen Gesängen – eine Explosion am Rumpf eines großen Flugzeugs am blauen Himmel zu sehen ist, das Sekunden später mit einer schwarzen Rauchfahne gen Boden rast. Das sei die Rache "für die Dutzenden, die täglich in Syrien durch eure Bombenflugzeuge getötet werden", heißt es in dem IS-Text.

Am Mittwoch meldete sich die Provinz Sinai, die sich vor einem Jahr dem "Islamischen Staat" anschloss, mit einer dreiminütigen Audiobotschaft zu Wort und erklärte, man werde "zu einem von uns gewählten Zeitpunkt" die Details des Anschlags mitteilen. "Untersucht das Wrack, analysiert die Blackbox, rückt heraus mit dem Fazit eurer Untersuchung und beweist, dass wir das Flugzeug nicht heruntergeholt haben", höhnte der Sprecher. Ägyptens Präsident Sissi dagegen tat eine IS-Täterschaft als "Propaganda von Terroristen" ab und erklärte, der Staat habe die Halbinsel "voll unter Kontrolle".