François Hollande findet in diesen Tagen deutliche Worte. "Frankreich befindet sich im Krieg", sagte der französische Präsident am Montagnachmittag in seiner Rede vor der Nationalversammlung. Es sei kein Krieg der Kulturen, sondern vielmehr ein Krieg gegen den "dschihadistischen Terrorismus". Auf die Rede folgten minutenlanger Applaus und Standing Ovations.

Die aktuellen Ereignisse zu den Terroranschlägen in Paris lesen Sie in unserem Live-Blog.

Auch der deutsche Bundespräsident bedient in diesen Tagen die Kriegsmetapher. In der Gedenkstunde zum Volkstrauertag am Sonntag in Berlin sagte Joachim Gauck: "Wir leben in Zeiten, in denen wir Opfer einer neuen Art von Krieg zu beklagen haben."

Das ist es, was von Hollandes wie auch von Gaucks Rede zurückbleibt, was sich zunehmend festsetzt in den Debatten der deutschen und europäischen Öffentlichkeit: Wir sind im Krieg. Diese markige Botschaft wird noch mehr zur Realität, je öfter und vehementer sie verbreitet wird. In Frankreichs Medien dominiert die Sprache einer Nation im Krieg, angeheizt von Ansagen wie der des einstigen Präsidenten Nicolas Sarkozy, der am Tag nach den Attentaten gar zum "totalen Krieg" gegen den Terrorismus aufrief.

Nur einer fand noch drastischere Worte, um die gegenwärtige Lage zu umschreiben. "Es gibt keine Rechtfertigung für solche Taten. Das ist nicht menschlich", sagte Papst Franziskus dem Sender Tv2000 der italienischen Bischofskonferenz. Auf die Frage, ob damit der Dritte Weltkrieg fortgesetzt werde, sagte er: "Dies ist ein Teil davon."

Totaler Krieg, Weltkrieg? Das ist die falsche Rhetorik zur falschen Zeit. Sie erzeugt in einer Atmosphäre des Unbehagens zusätzliche Angst. Und schürt die Furcht davor, was passiert, wenn sprachliche Symbolik reale Konsequenzen hat.

Krieg ist nicht nur ein materiell begreifbarer Vorgang, sondern birgt auch eine diskursive Dimension. So ist mit der Semantik des Krieges nicht nur das Neujustieren einer militärischen Bekämpfung des "Islamischen Staats" gemeint. Krieg meint nicht allein die Kampfhandlungen vor Ort, die Diskussionen um Luftangriffe, Bodentruppen oder zusätzliche Waffenlieferungen an die kurdischen Kämpfer im Irak.

Der Krieg dringt in den Alltag

Vielmehr steckt darin eine globale normative Lesart, die besagt, dass der Kampf Europas gegen den Terrorismus jetzt eine neue, furchterregende Qualität erreicht hat. Wir alle, soll das heißen, befinden uns in einem weltumspannenden Kampf, der längst von den Frontlinien in Syrien und Irak in unsere Wohnzimmer vorgedrungen ist.

Anders gesagt: Das beständige Wiederholen des Kriegsbegriffs wirkt sich auf das gesellschaftlich Unbewusste aus. Der Krieg wird ein Teil von uns, des Sprechens, aber auch des Denkens, überhaupt unseres Alltags. Er befördert einen mentalen Kampf, der dann brandgefährlich wird, wenn er den ohnehin schwelenden Ressentiments eine zusätzliche Ebene der Rechtfertigung verleiht. Denn ein medial konstruierter Krieg zieht Frontlinien dort, wo keine hingehören: in der Sphäre des Miteinanders.