Was für ein knappes Ergebnis: Mit knapp 52 Prozent der Stimmen haben die Argentinier am Sonntag den Bürgermeister von Buenos Aires zu ihrem neuen Präsidenten gewählt – einen Konservativen, der ein eher neoliberales Programm von Wirtschaftsreformen verspricht und mit harter Hand die Drogenmafias bekämpfen möchte. Am 10. Dezember zieht er in den Präsidentschaftspalast ein und löst damit Cristina Fernández de Kirchner (62) ab, die viel mehr war als einfach nur eine Präsidentin. Kirchner und ihr Amtsvorgänger, ihr verstorbener Ehemann Néstor, perfektionierten eine linke Politikrichtung, die auch in anderen Ländern der Region viel Beifall und Nachahmer fand.

Die Kirchners legten massive Umverteilungsprogramme zugunsten der Armen auf. Sie rauften sich mit den Militärs aus der Diktaturzeit, sie verstaatlichten Unternehmen, konfiszierten Sparkonten und schotteten die heimische Wirtschaft ab. Sie gingen auf Konfrontationskurs mit den USA und den Weltfinanzmärkten. Bis heute steckt Argentinien in einem unversöhnlichen Prozess mit einer Gruppe von Gläubigern, die Christina Kirchner als "Geier" beschimpfte.

Zum Erhalt ihrer Macht betrieben die beiden Kirchners eine Klientelpolitik, die in ganz unterschiedlichen, wahlentscheidenden Sektoren gut ankam: Sie erfanden zum Beispiel ein neues Kindergeld, zahlten Transfers an die Armen in den Favelas, subventionierten Kleinunternehmer, behielten einen großen Sektor öffentlicher Angestellter bei. Der Kirchner-Populismus ging so weit, dass für viel Geld Fußball-Übertragungsrechte aufgekauft wurden ("Fußball für alle!"), und die Regierung organisierte eine Art von staatlich sanktionierten Groupon-Käufen für günstige Autos, Geschirrspüler oder Coca-Cola.

Irgendwann aber war das Geld weg. Die Wirtschaft des Landes ist heute schwer mitgenommen. Die Inflationsrate erreicht bis zu 40 Prozent, argentinische Unternehmen könnten sich ohne Protektion kaum auf den Weltmärkten behaupten. Schon vor der Wahl war klar: Egal wer der nächste Präsident im Lande wird, er muss sehr Vieles anders machen. Das hätte auch für Daniel Scioli gegolten, den knapp unterlegenen Kandidaten der Kirchneristen, ein ehemaliger Elektro-Unternehmer, passionierter Powerboot-Racer und erfahrener Regionalpolitiker.

Mauricio Macri aber ist wirklich völlig anders als Cristina Kirchner. Der 56-jährige Konservative ist der Sohn eines der reichsten Männer Argentiniens, er gilt als ein Mann der Wirtschaft und hat die linke Politik der Kirchners immer wieder scharf angegriffen. Wann immer sich in den vergangenen Tagen ein Macri-Wahlsieg in den Umfragen abzeichnete, quittierte die argentinische Börse dies mit Zugewinnen. Allerdings war Macri – der als ein geschickter Verhandlungspartner und Kompromissfinder gilt – auch stets bedacht, der Gegenseite etwas zu "bieten". In seinem Programm steht auch, dass er die Armut im Lande komplett ausrotten will. Einige Wochen vor der Wahl hatte er sogar Juan Perón gehuldigt, dem legendären General und ehemaligen Staatschef, den eigentlich die Partei der Kirchner als ihren großen Helden reklamiert.

Ohne Mehrheit im Parlament

Kompromissbereitschaft wird Macri auch brauchen, nicht nur wegen des knappen Wahlsiegs. Im Parlament hat er viele Gegner und keinerlei automatische Mehrheiten. Bei seinen Plänen, die Währung endlich wieder frei zu geben und Devisen ins Land zu holen, könnte ihm ein mächtiger Gegner im Wege stehen: der Notenbankchef, der von Cristina Kirchner eingesetzt wurde, und den ein Präsident nicht so einfach loswerden kann. Es gibt viele institutionelle Widerstände im argentinischen System, die es diesem Mann des Wandels nun schwer machen könnten.

Die Kirchners waren vor zwölf Jahren überhaupt nur an die Macht gekommen, weil ihre marktliberale Vorgängerregierung einen beispiellosen Wirtschaftscrash und Staatsbankrott zur Jahrtausendwende zu verantworten hatte. Aus dieser Zeit rührt bis heute eine große Skepsis im Land gegenüber allzu wirtschaftsliberaler Politik. Das Land war damals bereit für die radikale Doktrin der Kirchners, die außerdem eine Glückssträhne erlebten: Ab 2003 spülte eine starke chinesische Nachfrage nach Soja und anderen Rohstoffen Devisen in die Staatskassen. Außerdem plünderten die Kirchners ohne größere Skrupel Pensionskassen und sie sparten bei langfristigen Investitionen etwa in die Infrastruktur oder ins Bildungssystem. So finanzierten sie ihre Klientelpolitik.

Permanente Kirchner-Show

Nach dem Abtritt von Néstor Kirchner 2007 begriff Cristina Fernández Kirchner Politik zunehmend als permanente Selbstinszenierung, was vielen Argentiniern zwar gut gefiel, was aber am Ende doch zu einer Art Ermüdung führte. Per Fernsehen und von Balkonen herab lieferte sie ihrem Volk theatralische Auftritte, zwischen divenhaft-betroffen und verletzend-konfrontativ. Es gab reihenweise Gerüchte um Korruption und einen schwer erklärbaren Zuwachs des Kirchner-Privatvermögens. Eigentlich traute man ihr fast alles zu. Als Anfang des Jahres der regierungskritische Staatsanwalt Alberto Nisman tot in seiner Wohnung aufgefunden wurde, war ein Gros der Bevölkerung zunächst überzeugt, dass das Kirchner-Regime dahinter stecke.

Der Überdruss über diese mehr und mehr abgehobene, skandal-umrankte Politik dürfte zur Niederlage des von Kirchner ausgesuchten Nachfolgekandidaten Scioli beigetragen haben. Die Argentinier wollten ganz offensichtlich keine Fortsetzung des Kirchner-Dramas mit einem anderen Namen.

In Buenos Aires glauben allerdings nicht wenige, dass Nachfolger Macri mit seinen harten Reformen das Wahlvolk schon bald gegen sich aufbringen wird. Dass er harte, notwendige, aber unbeliebte Entscheidungen treffen werde. Wenn das Land und seine Wirtschaft dann wieder auf Kurs seien, könnte Cristina vielleicht wieder kandidieren, 2019. Nach einer Amtsperiode Pause wäre das von der argentinischen Verfassung her jedenfalls erlaubt.