Vier ehemalige US-Drohnenpiloten, die jahrelang unter anderem im Irak und in Afghanistan tödliche Drohnen gegen angebliche Terroristen einsetzten, klagen jetzt in einem offenen Brief diesen Drohnenkrieg als einen einzigen Irrweg an.

Der Brief, der ZEIT ONLINE vorliegt, ist an den amerikanischen Präsidenten Barack Obama, den US-Verteidigungsminister Ashton B. Carter und den CIA-Chef John O. Brennan gerichtet und nennt die massenhafte Tötung durch Drohnen eine Art Rekrutierungsprogramm für neue Terroristen.

Die Autoren vergleichen die langfristigen Auswirkungen des Drohnenprogramms mit den katastrophalen Folgen der menschenverachtenden Praxis im Militärgefängnis in Guantanamo. Wir dokumentieren den Brief nachfolgend aus dem Englischen übersetzt.

OFFENER BRIEF, 18. November 2015

An
Präsident Barack Obama,
Weißes Haus
Washington, D.C.
Verteidigungsminister Ashton B. Carter,
Verteidigungsministerium
Direktor John O. Brennan,
Central Intelligence Agency (CIA)

Sehr geehrter Präsident Obama, sehr geehrter Minister Carter, sehr geehrter Direktor Brennan!

Wir sind ehemalige Angehörige der US-Luftwaffe. Wir schlossen uns der Air Force mit dem Ziel an, die Leben von Amerikanern sowie unsere Verfassung zu schützen. Aber im Laufe der Zeit ist uns klar geworden, dass der Umstand, dass wir unschuldige Zivilisten töten, die Hassgefühle nur befeuert, die den Terror und Gruppen wie den "Islamischen Staat" (IS) antreiben – und zugleich in ähnlicher Weise als Rekrutierungswerkzeug wirkt wie Guantanamo Bay.

Diese Regierung und ihre Vorgängerregierung haben ein Drohnenprogramm aufgesetzt, das eine der verheerendsten Triebfedern des Terrorismus und der Destabilisierung weltweit ist.

Jeder Einzelne von uns entwickelte eine posttraumatische Belastungsstörung, als die Schuld zu groß wurde, die mit unserer Rolle beim Ermöglichen dieses systematischen Zerstörens unschuldiger Leben einherging. Aber die Regierung, der wir so viel gegeben hatten, ließ uns fallen – sie entließ uns in eine Welt ohne angemessene medizinische Versorgung, ohne Zugang zu einem verlässlichen Gesundheitswesen, ohne notwendige Zuwendungen. Einige von uns sind heute obdachlos. Andere kommen gerade so zurecht. Dabei haben wir massive Verschwendung erlebt, den Missbrauch von Macht – und ebenso, wie die Führer unseres Landes öffentlich über die Effektivität des Drohnenprogramms gelogen haben.

Wir können Tragödien wie den Anschlägen von Paris nicht einfach schweigend zusehen, während wir die verheerenden Effekte kennen, die das Drohnenprogramm hierzulande und anderswo hat. Ein solches Stillschweigen bedeutete einen Verstoß gegen die Eide, die wir zur Unterstützung und zur Verteidigung der Verfassung geschworen haben.

Wir fordern Sie auf, Ihre Perspektive zu überdenken, auch wenn eine solche Bitte angesichts der beispiellosen Verfolgung von Whistleblowern, die uns vorangegangen sind – wie zum Beispiel Chelsea Manning, Julian Assange und Edward Snowden – womöglich vergeblich ist. Im Interesse dieses Landes hoffen wir jedoch, dass es sich nicht so verhält.

Hochachtungsvoll,
Brandon Bryant, Staff Sergeant, MQ-1B Predator Sensor Operator, SERE Instructor Trainee, USAF Joint Special Operations Command, 3rd Special Operations Squadron, Disabled Iraq and Afghanistan Veteran, Founder of Project RED HAND
Cian Westmoreland, Senior Airman, RF Transmissions Systems, USAF CENTCOM, 73rd Expeditionary Air Control Squadron, Disabled Afghanistan Veteran, Project RED HAND's Sustainable Technology Director
Stephen Lewis, Senior Airman, MQ-1B Predator Sensor Operator, USAF Joint Special Operations Command, 3rd Special Operations Squadron, Iraq and Afghanistan Veteran
Michael Haas, Senior Airman, MQ-1B Predator Sensor Operator Instructor, USAF Air Combat Command, 15th Reconnaissance Squadron, Iraq and Afghanistan Veteran

Übersetzung aus dem Englischen: Yassin Musharbash
Recherche: Diani Barreto