Ein Boot mit afrikanischen Flüchtlingen erreicht die Küste von Lampedusa © Antonio Parrinello/Reuters

ZEIT ONLINE: Monsieur Diarra, in Malta findet gerade der europäisch-afrikanische Flüchtlingsgipfel statt. Ihre Organisation mit Sitz in der malischen Hauptstadt Bamako protestiert scharf gegen dieses Treffen. Warum? Politischer Dialog ist doch gut.

Ousmane Diarra: Bei diesem Treffen wird höchstwahrscheinlich nichts herauskommen, was den Menschen hier in Mali oder überhaupt in Afrika nützt. Das Ergebnis wird stattdessen ein Desaster für die afrikanischen Flüchtlinge bedeuten, die in Europa eine bessere Zukunft suchen. Auf Malta werden politische Fragen verhandelt, keine menschlicheren Fluchtbedingungen. Es geht nur darum, Migration zu behindern. Wir als zivilgesellschaftliche Organisation sind dagegen.

ZEIT ONLINE: Zumindest seitens der EU gibt es ja klare Vorstellungen, was bei dem Gipfeltreffen beschlossen werden soll. Eine Bekämpfung der Fluchtursachen zum Beispiel. Zu diesem Zweck hat man sich gerade auf einen Hilfsfonds geeinigt.  Ist das nichts?

Diarra: Fluchtursachen wirklich effektiv zu bekämpfen ist schwierig, wenn nicht gar unmöglich. Afrikanische Flüchtlinge verlassen ihre Heimatstaaten aus unterschiedlichsten Gründen. Gerade hier in Mali sind die Konflikte teilweise sehr kompliziert; Boko Haram ist nur ein Teil des Ganzen. Außerdem: Die Leute hören ja nicht von einem auf den anderen Tag auf, zu emigrieren. Man muss deshalb nicht nur die Lebensbedingungen hier vor Ort, sondern auch und vor allem die Bedingungen der Migration verbessern.

ZEIT ONLINE: Es gibt allerdings aktuelle Statistiken, die zeigen, dass nur wenige Prozent der Menschen, die Europa im Moment als Flüchtlinge erreichen, afrikanischer Herkunft sind.

Diarra: Ja, weil viele Flüchtlinge aus afrikanischen Ländern es gar nicht bis nach Europa schaffen. Stattdessen stranden sie in anderen afrikanischen Staaten wie Algerien. Viele wollen auch gar nicht unbedingt nach Europa – aber das Interesse, nach Europa zu gelangen, gibt es nach wie vor. Dort werden die meisten als Illegale behandelt und einfach zurückgeschickt. Wo bleiben da die Menschenrechte?

ZEIT ONLINE: Wen sehen Sie denn mehr in der Verantwortung – die afrikanischen Staaten, deren Regime teilweise ja selbst Fluchtursache sind, oder die Europäer?

Diarra: Prinzipiell beide. Die EU will die afrikanischen Staaten anstiften, bei ihrer Politik der geschlossenen Grenzen mitzumachen. Sie will afrikanische Flüchtlinge schneller und effektiver abschieben; dafür will sie sie mit Geld belohnen. Ein solches Abkommen würde einen regelrechten Krieg gegen die Flüchtlinge bedeuten. Wir fordern von der malischen Regierung und auch von allen anderen Staaten der Afrikanischen Union, einer solchen Einigung mit der EU nicht zuzustimmen, die sie zum Erfüllungsgehilfen von Frontex macht. Wenn überhaupt, dann sollte Europa Afrikas Partner sein. Es braucht mehr Solidarität zwischen beiden Kontinenten, wenn es denn klappen soll mit der Bekämpfung der Fluchtursachen.

ZEIT ONLINE: Ein wichtiger Faktor dabei ist die schwache Wirtschaft vieler afrikanischer Länder. Wie müsste Europa in Zukunft mit Afrika Handel treiben, damit weniger Menschen einen Grund haben, zu fliehen?

Diarra: Ich zeige das am Beispiel Malis auf. Wir leben hier vor allem von drei Wirtschaftszweigen: Fischerei, Baumwollernte und Landwirtschaft. Normalerweise müssten die europäischen Industriestaaten den Bauern vor Ort helfen, von ihrer Baumwollernte zu leben. Aber sie kaufen die Ware so billig, dass viele junge Malier in der traditionellen Wirtschaft ihres Landes keine Zukunft mehr sehen und abwandern. Die Unternehmen verkaufen die Produkte in Europa dann aber teuer. Wie kann es da so eine Differenz geben? Genauso müssen die großen Fischereikonzerne einen anderen Umgang mit den Ländern wie Mali pflegen. Die Aufgabe der Politik ist es, diese Interessen miteinander in Einklang zu bringen, Norden und Süden zu harmonisieren. Aber das passiert nicht.

ZEIT ONLINE: Warum?

Diarra: Das ist kompliziert. Solche Fragen sind auch mit den afrikanischen Staaten nicht einfach zu regeln. Der Dienstleistungssektor, die Behörden, der soziale Sektor – all das muss in vielen afrikanischen Ländern besser laufen. Solange all das dermaßen unterentwickelt ist, werden die Menschen abwandern.

ZEIT ONLINE: Das milliardenschwere Entwicklungspaket, das in Malta beschlossen werden soll, könnte doch zumindest in diesem Punkt Abhilfe schaffen.

Diarra: Nein, denn es ist viel komplizierter. Nehmen wir noch einmal das Beispiel Mali: Der Krieg, der hier Anfang 2012 ausgebrochen ist, mag nur in bestimmten Gebieten des Landes toben, aber er bringt Chaos weit über seine eigentlichen Gebiete hinaus. Welche Entwicklungshilfe soll denn greifen, wenn sich unterschiedliche Interessensgruppen gegenseitig umbringen?