Mehr Sicherheit ist jetzt der Wunsch fast aller Franzosen und er ist nur zu verständlich. Politiker müssen ihm nachkommen. Schon nach den Terroranschlägen im Januar hatte die französische Regierung ein ganzes Maßnahmenpaket angeschoben: mehr Stellen, bessere Ausrüstung, schnellere Eingreifmöglichkeiten für Sicherheitskräfte, Geheimdienst, Polizei. Jetzt wurde über ganz Frankreich der Ausnahmezustand verhängt, erstmals seit 1961 und befristet auf 12 Tage. Er soll die Verfolgung der Attentäter erleichtern und weitere Anschläge verhindern. Noch bevor die Frist abgelaufen war, kündigte Manuel Valls an, diesen Ausnahmezustand auf drei Monate auszudehnen. Die Zeit wird die Regierung dazu nutzen, das Gesetz für den Ausnahmezustand, das aus dem Jahr 1955 stammt, auf den heutigen Stand zu bringen, radikalisierte Imame des Landes zu verweisen und Moscheen zu schließen, in denen Hass gepredigt wird. Die gesetzliche Grundlage dafür soll ab Mittwoch geschaffen werden. Zeitgleich wurden wieder Grenzkontrollen eingeführt.

Für diese Maßnahmen bringen selbst Menschen Verständnis auf, denen die freiheitlichen Bürgerrechte und das Schengenabkommen als hohes Gut gelten – unter der Bedingung eben, dass die Beschränkungen vorübergehend sind. Sie sollen weder dafür missbraucht werden, die Bürgerrechte zu unterwandern, noch Schutzbedürftige von Frankreich fern zu halten. Aber selbst jenen, denen diese Maßnahmen nicht weit genug gehen – ein Politiker der Republikaner forderte Lager für all jene, die vom Geheimdienst bereits als "potenziell radikalisiert" gelten – müssen akzeptieren: Es kann in einer Demokratie wie Frankreich keine hundertprozentige Sicherheit geben.

Man kann aber sehr wohl daran arbeiten, dass weniger Menschen überhaupt erst zu einem Sicherheitsrisiko werden. Indem man einerseits die Einreise von Gefährdern verhindert, was Aufgabe der Sicherheits- und Außenpolitik ist. Und indem man andererseits verhindert, dass im eigenen Land Menschen für terroristische Ideen rekrutiert werden können. Dafür muss sichergestellt werden, dass alle Zugang haben zu den Grundlagen, auf denen die Gesellschaft ruht und ein tiefes Verständnis von diesen Grundlagen haben.

Eine komplexe Aufgabe, an der mit unterschiedlichen Werkzeugen gearbeitet wird (Städtebau, Arbeitsmarktpolitik). Ein weiteres benannte François Hollande im Januar, zwei Wochen nach der ersten Anschlagsserie in Paris: Man müsse die "Werte der Republik" aktiver schon in den Schulen vermitteln. Die Frage nach dem wie beantwortete er mit einer Schulreform, die bereits seit 2013 vorbereitet worden war und zu diesem Schuljahresbeginn in Kraft getreten ist. An Frankreichs Schulen gibt es nun ein neues Unterrichtsfach, das sich Éducation morale et civique (EMC), Moral- und Zivillehre, nennt und – von der Grundschule bis zum Gymnasium – alle bisherigen sozialkundeartigen Fächer ersetzt. Es soll vermitteln, was Hollande gefordert hatte: die Werte der Republik. Laut Gesetzestext sind dies: Würde, Freiheit, Gleichheit, Solidarität, Laizismus, Gerechtigkeit, Respekt, Gleichberechtigung zwischen Frau und Mann, Toleranz und die Ablehnung jeder Form von Diskriminierung. Dieses Programm sollen die Schüler sich in erster Linie durch Texte erarbeiten. Exkursionen, ein konkretes soziales Engagement oder Sozialpraktika sind nicht vorgesehen.

Die Frage ist, ob diese Form des Unterrichts ihren Zweck erfüllt. "Fragen stellen, kritisches Denken, das wissenschaftliche Herangehen an ein Problem, indem der Schüler eine Hypothese aufstellt und dann überprüft, wird dabei nicht gelehrt", sagt Francois Taddéi, Direktor des Centre des recherches interdisciplinaire, der sich intensiv mit Bildungskonzepten und Integration beschäftigt. Die Aufklärung, auf die man in Frankreich so stolz sein kann, erstarrt zu einer historischen Epoche. Dabei ist Aufklärung weniger ein Kulturgut oder "Wert", als vielmehr die Kunst, seinen Verstand zu gebrauchen. Wer sie vermitteln will, müsste zwangsläufig auch das Hinterfragen von Werten und Autoritäten vermitteln.

Hollande hatte in seiner Rede jedoch angekündigt: "Jedes Verhalten [eines Schülers], das die Autorität des Lehrers in Frage stellt, wird dem Leiter der Einrichtung gemeldet werden." Kein Zwischenfall werde ohne Folgen bleiben, betonte er. "Wenn ein Schüler also eine Karikatur seines Lehrers an die Tafel malt, wird er dafür bestraft werden", veranschaulicht es Taddéi. Gleichzeitig habe man im Januar von einem solchen Schüler verlangt, für die Meinungsfreiheit von Karikaturisten einzustehen. Diesen logischen Widerspruch aufzuheben ist auch für einen Lehrer nicht einfach. Selbst wenn er die Notwendigkeit einer Diskussion erkennt, kann er die komplizierte Auseinandersetzung mit dem Schüler oder gar mit dessen Eltern scheuen, denen Karikaturen wie die des Satiremagazins Charlie Hebdo zutiefst zuwider sind.