In dem neu eingeführten Schulfach EMC werden keine Kenntnisse über Religionen vermittelt. Marine Quenin sieht darin ein weiteres Problem und hat deswegen das Programm Enquête gegründet. Kinder können dabei in Kursen den Wert des Laizismus, also der strikten Trennung von Staat und Kirche, kennenlernen sowie die Religionen und den Atheismus – außerhalb des offiziellen Unterrichts. "Leider gehören das Vermitteln von Wissen über Religionen nicht zum Lehrplan von EMC wie dies beispielsweise in Québec der Fall ist." Für Quenin ein Vorbild. Denn vor allem jüngere Kinder haben häufig ganz konkrete Fragen zu dem Thema: Warum isst mein Klassenkamerad kein Schweinefleisch? Warum betet der eine und der andere nicht? Warum geht der eine Vater in die Kirche und der andere in die Synagoge und der dritte zu überhaupt keinem Gottesdienst? Für Lehrer ist in Frankreich keine Möglichkeit vorgesehen, auf diese Fragen einzugehen. Weil Frankreich ein laizistischer Staat ist. Ob und wie ein Lehrer auf solche Fragen reagiert, bleibt ihm überlassen.

"Dabei ist unser Laizismus kein Hinderungsgrund", sagt der Publizist Marc Cheb Sun, der regelmäßig zum Thema Integration schreibt und erst am 5. November seine Publikation Die muslimische Kraft und andere französische Reichtümer herausgebracht hat. "Im Gegenteil: Gerade der Laizismus ist ein Garant für jeden einzelnen, glauben zu können, was er will – oder gar nicht gläubig zu sein." So aber schicken Eltern, die wollen, dass ihre Kinder auch in Glaubensfragen unterrichtet werden, diese auf Privatschulen, die oft konfessionell gebunden sind. Das fördert einen Kommunitarismus, der vermieden werden könnte. Cheb Sun fordert deswegen, dass alle Jugendlichen die Geschichte der Religionen (und des Atheismus) kennenlernen. "Dann stellen sie nämlich fest, wie viele Gemeinsamkeiten wir haben, sowohl historisch als auch in unseren Wertvorstellungen, und wo die Unterschiede liegen."

Bislang fand so ein Kennenlernen nur in außerschulischen Projekten statt, wie sie Quenin mit ihrer Organisation anbietet. Meist waren es Kommunen, die sich wünschten mit ihr zusammenzuarbeiten. Inzwischen melden sich tatsächlich auch Schulen, denn die Bildungsministerin Najat Vallaud-Belkacem hat durchgesetzt, dass sich Schulen verstärkt solche Kurse ins Haus holen können, wenn sie Bedarf sehen, und sie hat dafür auch Gelder bereit gestellt. Das war mit dem prinzipiellen Widerstand gegen jede Form von Religionsvermittlung an Schulen vereinbar, weil die Teilnahme an solchen Kursen freiwillig bleibt. Quenin wünscht sich deswegen, dass wenigstens das vielfältige Wissen der unterschiedlichen Kulturen selbstverständlicher Gegenstand des Unterrichts aller Kinder sein könnte in so unterschiedlichen Fächern wie Französisch, Kunst, Musik, Mathematik oder Astronomie.

"Wir müssen andere Kulturen und deren Errungenschaften kennenlernen, um zu erkennen, welche Bereicherung sie darstellen", sagt Cheb Sun. Lange hat man in Frankreich jedoch auf Assimilation, statt auf Integration gesetzt. Das schlägt sich bis heute in den Unterrichtsplänen nieder, nach denen die Kinder die Gallier kennenlernen, aber kaum die Geschichte anderer Länder. Descartes und Sartre, aber nicht Averroes oder Ibni Kemal. Ein besonderes Beispiel ist dabei die Geschichte des französischen Kolonialismus. "Sie wird kaum behandelt, und so ist alles, was in den Köpfen hängen bleibt, die Vorstellung, dass weiße Franzosen Herren über schwarzafrikanische Sklaven und maghrebinische Arbeiter waren. Daraus erwächst kein Gefühl von Gleichwertigkeit", sagt Cheb Sun. Ganz zu schweigen davon, dass es so etwas wie eindeutige Wurzeln im heutigen Frankreich kaum gibt. Wer eingewandert ist oder wessen Familie irgendwann eingewandert ist, verfügt häufig über Wurzeln in ganz unterschiedlichen Kulturen. "Wichtig ist, dass Jugendliche sich nicht für eine Identität entscheiden müssen, sondern dass sie mit der ihren im Einklang leben."

Der Publizist weist noch auf einen weiteren Aspekt hin, der das Selbstwertgefühl vieler Franzosen schwächt: Die heutigen Jugendlichen sind unter dem Eindruck der Anschläge vom 11. September groß geworden. Die Bilder von den brennenden Türmen in New York gehören zu ihrem kollektiven Gedächtnis. Und auch damals verknüpfte sich auf fatale Weise die Frage nach Tätern und Schuld mit einer Religionszugehörigkeit. "Wir dürfen darüber nicht die Verhältnismäßigkeit aus den Augen verlieren", sagt Cheb Sun. In Frankreich leben etwa fünf Millionen Muslime in völligem Frieden und Normalität. Von denen hört man nur zu wenig.

Dieses Nicht-Hören spiegelt wider, was man in Frankreich auch kaum sieht: einflussreiche Menschen mit Migrationshintergrund in der Wirtschaft und der Politik. Beides gestalten nach wie vor weitgehend weiße Männer und wenige Frauen. Es fehlen Rollenvorbilder – vor allem für junge Männer aus Einwandererfamilien. Gepaart mit der immer wieder konstatierten Chancenungleichheit des französischen Bildungssystems, das wie kaum ein anderes die soziale Schichtung reproduziert, schafft das einen Nährboden für Frust, weil sich die Betroffenen abgehängt fühlen. Der kann irgendwann auch in Wut umschlagen. Die ist dann die destruktivste Art, seine Verzweiflung zu zeigen. Auch wenn sich die Terroristen vom Freitag solche Zusammenhänge nicht bewusst gemacht haben, haben sie dieses Manko doch instrumentalisiert.