Die Anschläge von Paris haben auf grauenvolle Weise offenbart, dass der Terror des "Islamischen Staats" sich schon lange nicht mehr auf dessen Kerngebiet in Syrien und im Irak beschränkt. Der IS globalisiert sich, er hat inzwischen Filialen in rund einem Dutzend Ländern. Er trägt den Terror in viele Teile der Welt, und entsprechend muss die Antwort der Welt ausfallen – sie muss gemeinsam reagieren.

Anschläge, verübt von Einzeltätern, gab es schon früher, von Sydney bis Ottawa. In den letzten Tagen allerdings häuften sie sich, die Opferzahlen wurden größer, die Anschläge wirkten sorgfältig geplant und gut koordiniert. Da war der Anschlag auf das russische Touristenflugzeug über dem Sinai, da war wenige Tage später das Bombenattentat in Beirut, und da war schließlich Paris.

Für Beobachter des IS kommt diese Entwicklung nicht unerwartet, auch wenn sie die Wucht der Anschläge überrascht. "Konzentrieren wir uns im Kampf gegen den IS auf Syrien und den Irak? Oder ist das letztlich ein globaler Kampf?", fragte ein Diplomat genau eine Woche vor den Anschlägen in Frankreich. Er hatte verfolgt, wie der IS immer neue "Provinzen" ausrief – in Libyen, auf dem Sinai, im Kaukasus, in Afghanistan und Pakistan.

Überall haben sich dort extremistische Gruppen dem IS angeschlossen, haben dem "Kalifen" Abu Bakr al-Baghdadi die Treue geschworen. Von Westafrika bis nach Südostasien spannt sich der Bogen der Länder mit Ablegern des "Islamischen Staats". Manche gehen ihren eigenen Weg, wie Boko Haram in Nigeria; ihre Verbindung zum IS ist eher locker, sie bedrohen vor allem die eigene Region. Andere sind der IS-Führung eng verbunden, werden aus Syrien und dem Irak personell und materiell unterstützt; sie könnten den Terror weit über die Grenzen des eigenen Landes hinaustragen.

Am meisten Kopfzerbrechen bereitet den deutschen Sicherheitsbehörden die Lage in Libyen und auf dem Nord-Sinai. In Libyen sind nach dem Sturz Gaddafis die staatlichen Strukturen zerfallen, der IS hat das politische Vakuum genutzt und sich vor allem in Sirte, der Geburtsstadt Gaddafis, festgesetzt. Die knapp 2.000 IS-Kämpfer dort kontrollieren etwa 150 bis 200 Kilometer Mittelmeerküste. "Das ist eine ganz zentrale Herausforderung, der wir uns alle stellen müssen", heißt es in Berlin.

Libyen ist denn auch ins Visier der Anti-IS-Koalition gerückt, der mehr als 60 Staaten angehören. Vorige Woche, in der Nacht zum Samstag, fast zeitgleich mit den Anschlägen in Paris, griffen amerikanische Flugzeuge den IS-Führer in Libyen an, Abu Nabil. Es war das erste Mal, dass die USA den "Islamischen Staat" außerhalb des Iraks und Syriens attackierten.

Vom IS in Libyen geht eine Bedrohung für das benachbarte Ägypten aus, wie auch von den 3.000 bis 4.000 Tunesiern, die in Syrien und im Irak in den Reihen des IS kämpfen. Aber auch in Ägypten selbst hat sich auf der Sinai-Halbinsel ein IS-Ableger etabliert, den Fachleute für die derzeit gefährlichste Gruppierung halten. Auf sein Konto dürfte der Anschlag auf das russische Flugzeug gehen.

IS ist auf dem Vormarsch, Al-Kaida verliert an Boden

Als extrem brutal gelten die IS-Gruppen im Jemen und in Afghanistan. Sie bauen auf bestehenden extremistischen Strukturen auf – in Afghanistan rekrutieren sie sich aus den Reihen der Taliban. Im Jemen haben sich daneben Abtrünnige des IS der Gruppe Al-Kaida auf der Arabischen Halbinsel (AQAP) angeschlossen, die dem IS allerdings bis heute zahlenmäßig noch deutlich überlegen ist.

Generell aber gilt in der perversen Konkurrenz der internationalen Terrornetzwerke: Der IS ist auf dem Vormarsch, Al-Kaida verliert an Boden. "Der IS ist das für viele Fanatiker attraktivere Projekt", sagt ein Diplomat, "und natürlich auch das um Längen ambitioniertere Projekt mit seinem Anspruch des Kalifats. Man hat den Eindruck, dass Al-Kaida ein Stück weit den Anschluss verloren hat."

So wie die Bedrohung durch die wachsende Zahl der IS-Filialen größer wird, so wächst auch die Gefahr durch die foreign terrorist fighters. Nach Schätzungen amerikanischer Geheimdienste sind in den vergangenen vier Jahren rund 25.000 Kämpfer aus hundert Ländern in den Irak und nach Syrien geströmt, Tausende allein aus Europa.

Die Zahl der Kämpfer aus Deutschland gibt der Verfassungsschutz mit 730 an. Ein Drittel von ihnen soll inzwischen in die Heimat zurückgekehrt sein, etwa 70 hätten Kampferfahrung. Bedenkt man, dass in Frankreich neun Dschihadisten genügten, um ein Massaker anzurichten, kann man die Gefahr ermessen, die von den vielen ausländischen Kämpfern ausgeht, die nach Europa zurückkehren.

Frankreichs Staatspräsident Hollande hat erklärt, seine Regierung werde den UN-Sicherheitsrat anrufen und die Welt auffordern, eine gemeinsame Antwort auf die Gewalt des "Islamischen Staats" zu geben. Auch die Partner der EU hat er um Hilfe gebeten. Hollande sagt: "Frankreich befindet sich im Krieg." Aus seiner Sicht stimmt das, sein Land wurde angegriffen. Und doch sollten Politik und Diplomatie auch jetzt Vorrang haben. Bei den Wiener Friedensgesprächen zu Syrien wird dies versucht, erstmals, so scheint es, mit Aussicht auf Erfolg.

Die deutsche Politik, mit Ausnahme des Bundespräsidenten, scheut aus gutem Grund jede kriegerische Rhetorik. Und doch muss auch sie eine glaubhafte Antwort auf die drängenden Fragen aus Paris finden. Denn das wissen alle, auch jene, die sich geschworen haben, endlich aus dem Schaden klug zu werden, den der Westen im Mittleren Osten so oft angerichtet hat: Die Barbarei des IS wird ohne Waffengewalt nicht zu stoppen sein.