Türkisches Militärfahrzeug nahe der syrischen Grenze © AP/dpa

Russland bezeichnet den Abschuss seines Kampfflugzeugs durch das türkische Militär als "geplante Provokation". "Wir haben ernsthafte Zweifel daran, dass dies unbeabsichtigt war", sagte Außenminister Sergej Lawrow. Russland habe genügend Informationen, dass der Abschuss im türkisch-syrischen Grenzgebiet geplant gewesen sei, sagte er nach einem Telefonat mit seinem türkischen Kollegen Mevlüt Çavuşoğlu. "Dies war ganz offensichtlich ein Hinterhalt: Sie warteten, beobachteten und haben einen Vorwand gesucht", sagte Lawrow. Die Atommacht Russland werde jetzt nicht mit dem Nato-Land Türkei Krieg führen.  

Man werde die Beziehungen zu Ankara überprüfen, sagte Lawrow weiter. Russland habe nicht die Absicht, Krieg gegen die Türkei zu führen, ohne Reaktion könne der Vorfall aber nicht bleiben. "Wir haben nur Zweifel an der türkischen Führung." Lawrow fügte hinzu, Terroristen hätten das türkische Territorium benutzt, um Angriffe vorzubereiten. Die am Dienstag ausgesprochene Empfehlung an Russen, von Besuchen in die Türkei abzusehen, basiere darauf, dass es in der Türkei extremistische Bedrohungen gebe. 

Für eine Normalisierung der schwer beschädigten Beziehungen zwischen den beiden Ländern müsse die türkische Regierung anerkennen, dass der Vorfall absolut unzulässig ist, forderte Lawrow. Der türkische Regierungschef Ahmet Davutoğlu sagte, der Türkei liege nicht daran, den Konflikt mit Russland zuzuspitzen. "Russland ist unser Freund, unser Nachbar."

Am Dienstag hatte die Türkei einen russischen Kampfjet abgeschossen und dies damit begründet, Warnungen nach dem Eindringen in den türkischen Luftraum seien missachtet worden. Russland versicherte hingegen, die getroffene Maschine sei nur über syrischem Gebiet geflogen. Russlands Präsident Wladimir Putin kritisierte den Abschuss scharf und sagte, die Türkei sei Russland in den Rücken gefallen. Es war das erste Mal in den vergangenen 50 Jahren, dass ein Nato-Land ein russisches Flugzeug abschoss. 

Die Regierung in Ankara verfolge eine Politik der Islamisierung des Landes, sagte Putin weiter. Die Unterstützung radikaler Richtungen schaffe eine sehr ungünstige Atmosphäre.

Widersprüchliche Aussagen

Die russische und türkische Versionen der Geschichte, wie der russische Kampfjet geflogen sein soll.

Putins Sprecher Dmitri Peskow bekräftigte, dass Russland den Abschuss als Verstoß gegen das Völkerrecht und eine außerordentlich unfreundliche Handlung werte. Ein gemeinsamer Anti-Terror-Kampf mit der Türkei stehe in Zweifel. Verteidigungsminister Sergej Schoigu bekräftigte, dass Moskau alle militärischen Kontakte mit Ankara vorerst einfrieren werde. Er widersprach damit dem russischen Botschafter in Paris. Der Diplomat Alexander Orlow hatte in einem Interview gesagt, zum Terrorkampf sei Russland zur Einrichtung einer gemeinsamen Kommandozentrale unter anderem mit der Türkei bereit.

Angriff auf türkische Botschaft in Moskau

An Bord der russischen Maschine befanden sich zwei Piloten, die sich mit Fallschirmen aus dem Flugzeug retten konnten. Einer von ihnen wurde durch Beschuss vom Boden getötet. Der zweite, Konstantin Murachtin, konnte gerettet werden, er gab am heutigen Mittwoch ein Interview im russischen Fernsehen. Darin bestritt er, in den türkischen Luftraum eingedrungen zu sein. Die türkischen Kampfflugzeuge hätten auch keine Warnungen abgegeben, bevor sie die Maschine abgeschossen hätten, sagte Murachtin. 

Die beiden Piloten hatten vor dem Abschuss den Schleudersitz betätigt. Murachtin wurde auf einen russischen Luftwaffenstützpunkt in Syrien gebracht, wo er auch das Interview gab. Libanesische Medien hatten zuvor berichtet, die syrische Armee habe den Piloten in Sicherheit gebracht. Putin ordnete nun an, das Flugabwehrraketensystem S-400 dorthin zu verlegen.

Unterdessen wurde die türkische Botschaft in Moskau mit Eiern und Steinen beworfen, wobei Fenster auf dem Botschaftsgelände zu Bruch gingen. Die Polizei räumte die Gegend und nahm mehrere Menschen fest. Reiseveranstalter stornierten vorerst alle Touren in das beliebte Urlaubsland Türkei, zudem prüfen russische Unternehmer ihre Zusammenarbeit mit türkischen Investoren. Russische Fußballclubs annullierten ihre Winterlager in dem warmen Land.