Mindestens 129 Menschen sind ermordet worden. 99 Schwerverletzte kämpften am Samstagabend noch um ihr Leben. Insgesamt wurden wohl mehr als 352 Menschen verletzt, unter ihnen Franzosen, US-Amerikaner und Belgier. Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs hat Paris keinen so brutalen Anschlag erlebt. Und noch immer ist es schwer zu erfassen, was sich in der Nacht von Freitag auf Samstag in der französischen Hauptstadt ereignet hat.

Dies ist der Versuch, das Geschehen vom 13. und 14. November so genau nachzuvollziehen wie bislang möglich. Dazu wurden Zeugen befragt, Mitteilungen der Behörden sowie Video- und Bildmaterial ausgewertet, außerdem die umfangreiche internationale Berichterstattung. Es formt sich ein erstes Mosaik, das noch viele Lücken enthält und sicherlich auch Fehler. Doch es zeigt das Bild eines Terrorangriffs, wie ihn Europa seit den Anschlägen von London, Madrid und Utøya nicht mehr gesehen hat. Diese Anschlagsserie übertrifft noch weit die Attacke auf das Satiremagazin Charlie Hebdo im Januar in Paris.

Sechs Mal schlugen die Attentäter in der Nacht von Freitag auf Samstag zu, innerhalb von 33 Minuten. Schon die Lage der Tatorte in der Stadt macht deutlich: Es handelte sich um zwei minutiös aufeinander abgestimmte Angriffe, laut Ermittlern ausgeführt von drei Teams. Drei Attentäter sollten das Fußballstadion Stade de France nördlich von Paris in Saint-Denis attackieren. Mindestens vier Terroristen zogen mordend durch das Ausgehviertel um den Canal Saint-Martin in der Innenstadt. Diese sieben Täter starben bei den Anschlägen. Andere sind wahrscheinlich noch auf der Flucht.

Das Café Comptoir Voltaire © Kenzo Tribouillard/AFP/Getty Images)

Über die Täter selbst ist noch wenig bekannt. Sie kamen offenbar aus verschiedenen Ländern, hatten verschiedene Staatsangehörigkeiten. Die Polizei fand beim Leichnam eines Attentäters einen syrischen Pass. Der Mann wurde demnach 1990 geboren. Griechische Behörden teilten mit, dass er auf der Insel Leros registriert worden sei. Allerdings haben die Ermittler noch nicht bestätigt, dass der Passbesitzer auch wirklich der Selbstmordattentäter ist. Ein weiterer Mann soll einen ägyptischen Ausweis bei sich getragen haben.

Am meisten wissen die Ermittler wohl über einen Franzosen. Er sprengte sich im Konzertsaal Bataclan selbst in die Luft und wurde anhand seiner DNA identifiziert. Die Behörden kennen seinen Namen und seinen Geburtstag: 21. November 1985. Er stammt aus Courcouronnes im Departement Essonne südlich von Paris. Zwischen 2004 und 2010 war er acht Mal polizeilich aufgefallen, immer wegen Kleindelikten. Ins Gefängnis musste er jedoch nie.

Die Behörden wissen auch, dass dieser Attentäter sich in den vergangenen Jahren radikalisierte, sein Name steht auf der Liste S des französischen Inlandsgeheimdienstes. Der Vermerk S bedeutet, dass der Mann nicht ständig überwacht wurde. Vielmehr sollten Beamte im Fall einer Personenkontrolle den Geheimdienst informieren und so viele Informationen wie möglich über seine Begleiter sammeln.

Was die Tat dieser Männer von allen anderen Terrorangriffen der vergangenen Jahre in Europa unterscheidet: Alle sieben toten Täter trugen Sprengstoffgürtel. Es ist schwierig, solche Gürtel so zu bauen, dass sie nur explodieren, wenn ihr Träger es auch will. Wer es kann, gilt als wertvoller Fachmann, den man nicht leichtfertig opfert. Experten vermuten deshalb, es könnte flüchtige Komplizen und Hintermänner geben.

Dafür könnte sprechen, dass belgische Behörden drei Personen festgenommen haben. Einer von ihnen soll eines der Tatfahrzeuge gemietet haben, einen schwarzen VW Polo. Es handelt sich um einen Franzosen, der in Belgien im Raum Brüssel lebt. Den Sicherheitsbehörden waren alle drei bislang nicht bekannt.

Tatort: Bataclan © Google

Unklar ist auch noch das Motiv für die Anschlagsserie. Frankreichs Staatspräsident François Hollande hat die Terroristen des "Islamischen Staats" bezichtigt. Der IS hatte sich am Samstag auch zur Tat bekannt. Die Anschläge seien eine Vergeltungsaktion für die französischen Luftangriffe auf Stellungen des IS in Syrien und im Irak und für die Beleidigung des Propheten. Fachleute halten die Erklärung für echt. Ob sie auch wahr ist, lässt sich nicht nachweisen.

Schließlich ist da noch ein 51 Jahre alter Mann aus Montenegro, den Schleierfahnder der bayerischen Polizei am Donnerstag ertappten, als er in seinem Auto versteckt acht Maschinenpistolen, zwei Handgranaten, einen Revolver und zwei weitere Pistolen nach Frankreich schmuggeln wollte. Doch der Mann schweigt.

Viele Ungewissheiten also. Klarer wird dagegen, wie die beiden Angriffe abliefen, jener im Partyviertel der Stadt und jener auf das Fußballfest im Stade de France.