"Meine Damen und Herren! Bis jetzt sieht es gut aus, alle scheinen friedlich mitzulaufen. Von Gewalt keine Spur!" Alle fünf Minuten berichtete ein polnischer Journalist im öffentlich-rechtlichen Fernsehen live vom Unabhängigkeitsmarsch in Warschau. Jeder schien nur darauf zu warten, dass etwas passierte. Seit die Nationalisten vor fünf Jahren damit begannen, am Unabhängigkeitstag diesen Marsch in der Hauptstadt zu veranstalten, gehört diese Anspannung dazu. Und jedes Jahr ist es schlimmer geworden.

Was einmal ein fröhliches buntes Nationalfest war, ist heute weit davon entfernt. Selbst der konservative neu gewählte Präsident Andrzej Duda entschied sich in diesem Jahr, dem Marsch in Warschau fern zu bleiben. Nach den offiziellen Feierlichkeiten zum Unabhängigkeitstag brach er zu einem Besuch in den Süden des Landes auf. Er wollte wohl lieber nicht dabei sein, sollte es wieder zu Gewalt kommen. Sollten wieder Randalierer das Zentrum Warschaus in eine Kampfarena verwandeln, Bänke zerstören, Blumen ausreißen, Verkehrszeichen umkippen. Und sollten wieder Hunderte Menschen festgenommen werden, darunter viele Hooligans. Wie in den vergangenen Jahren.

Die Kommentatoren haben sich gefreut, dass der diesjährige Marsch im Vergleich zu solchen Auswüchsen friedlich verlaufen ist. Fast 50.000 Menschen kamen zusammen, auch Familien mit Kindern waren zu sehen. Und eben weniger Extremisten und Unruhestifter als in der Vergangenheit. 

"Willkommen in der Hölle"

Doch die nationalistischen Parolen sind dieselben geblieben. "Polen den Polen!", hörte man immer wieder junge Männer schreien. Gelegentlich brüllten sie auch "Polen frei von Islamisten!". Die polnischen Nationalisten nennen sich gern "Patriotenlager", und zu ihrem Hauptfeind sind in diesem Jahr die Flüchtlinge geworden. Dass das Land in den kommenden zwei Jahren 7.000 Flüchtlinge aufnehmen soll, sehen sie nicht gern. "Willkommen in der Hölle" stand auf einem Plakat, das an muslimische Flüchtlinge gerichtet war.

Besonders die Jungen sind gegen Ausländer. Laut einer Umfrage des polnischen Instituts CBOS wünschen sich 69 Prozent der Polen zwischen 18 und 24 Jahren, unter keinen Umständen Flüchtlinge aus Kriegsgebieten in ihrem Land zu haben. In der Altersgruppe von 25 bis 34 sind es 51 Prozent.

In den polnischen Medien war davon an diesem Mittwoch kaum die Rede. "Na ja, die Jugend widersetzt sich vielen Dingen, so ist sie nun mal", verharmloste ein Soziologe die nationalistischen Parolen, als er im Fernsehen gefragt wurde, ob der Extremismus bei den Jungen nicht gefährlich sei. Ein anderer Experte, Sławomir Sowiński von der Warschauer Wyszyński-Universität, meinte: "Es mag für uns offensichtlich klingen, aber junge Polen wissen einfach nicht, warum die Mitgliedschaft Polens in der Europäischen Union gut für ihr Land ist."

Die Grenze zwischen dem Extremismus und dem Mainstream in der Politik scheint zu verwischen. Im polnischen Parlament sind mit den Wahlen vor drei Wochen zehn Abgeordnete eingezogen, die offen nationalistisch sind. Sie alle kamen über die Parteiliste des Rockmusikers Paweł Kukiz, der vor allem junge Wähler anspricht. Sie arbeiten auch eng zusammen mit den Nationalisten der ungarischen Jobbik-Partei und den Faschisten der italienischen Forza Nuova. Vertreter beider Parteien waren auch beim Marsch in Warschau dabei, die Jobbik-Leute forderten dort ein Europa "ohne Islamisten".