Russlands Präsident Wladimir Putin hat den Abschuss eines russischen Kampfjets durch die Türkei in scharfen Worten verurteilt. Im Kampf gegen den Terror sei das ein Schlag in den Nacken gewesen, "begangen von Helfershelfern von Terroristen", sagte Putin live im russischen Fernsehen. Der russische Jet sei von F16-Kampfflugzeugen abgeschossen worden und etwa vier Kilometer von der Grenze entfernt auf syrischem Gebiet abgestürzt. Das russische Flugzeug habe keine Gefahr für die Türkei dargestellt, sagte Putin.

Das tragische Ereignis werde ernsthafte Auswirkungen auf die russisch-türkischen Beziehungen haben, sagte Putin. "Wir werden niemals dulden, dass solche Verbrechen wie das heutige begangen werden." Der russische Außenminister Sergej Lawrow hat seinen für Mittwoch geplanten Türkeibesuch abgesagt.

Lawrow riet seinen Landsleuten zudem, die Türkei derzeit nicht zu besuchen. Die Terrorbedrohung in der Türkei sei nicht geringer als in Ägypten, sagte er im russischen Sotschi.

Putin kritisierte das Verhalten der Türkei. Nach dem Abschuss habe sich die Türkei nicht etwa sofort an Russland gewandt, sondern eine Sondersitzung der Nato einberufen, sagte Putin. "Als ob wir eines ihrer Flugzeuge abgeschossen hätten und nicht sie eines der unseren." Provokativ fragte er am Ende seiner Ansprache: "Wollen Sie, dass die Nato dem IS in die Hände spielt?" Er hoffe, dass die internationale Gemeinschaft stark genug sein werde, um vereint gegen das Böse zu kämpfen.

Nato-Sondersitzung in Brüssel

Tatsächlich hat die Türkei die Nato-Bündnispartner zu einer Sondersitzung gerufen. Sie findet ab 17 Uhr in Brüssel statt. Nach Angaben der Regierung in Ankara stellt sich der Vorfall im türkisch-syrischen Grenzgebiet anders dar. Demnach sei ein russisches Kampfflugzeug abgeschossen worden, nachdem es den türkischen Luftraum mehrfach verletzt haben soll. Auch habe man mehrfach Warnungen herausgegeben. Das US-Militär bestätigte die Darstellung des Nato-Verbündeten Türkei. Die Kommunikation sei über Funk mitgehört worden, sagte Pentagon-Sprecher Steve Warren. Das türkische Militär habe den russischen Bomber zehn Mal wegen der Verletzung des türkischen Luftraums gewarnt und keine Antwort bekommen.

Ministerpräsident Ahmet Davutoğlu verteidigte die Entscheidung, das Flugzeug abzuschießen: Seine Regierung behalte sich als Reaktion auf Grenzverletzungen jedwede nötige Maßnahme vor. Mit dem Abschuss sei das Staatsgebiet verteidigt worden. Die Aktion habe sich nicht gegen ein bestimmtes Land gerichtet. 

Die beiden Piloten hatten sich zunächst mit Fallschirmen aus dem getroffenen Flugzeug retten können. Ob sie noch am Leben sind, ist unklar. Während die Agenturen Dogan und Reuters melden, die Streitkräfte seien von turkmenische Rebellen in Syrien getötet worden, berichten türkische Medien, die beiden seien zwar in turkmenischer Gefangenschaft, aber am Leben.

Turkmenische Kämpfer stützen türkische Vorwürfe

Die russische Maschine soll vor dem Abschuss turkmenische Kämpfer bombardiert haben, meldet die Nachrichtenagentur AP. Ein Kämpfer, der sich als Vizekommandeur der turkmenischen Küstendivision vorstellte, sagte demnach der Agentur Dogan, der russische Kampfjet habe eine Bombe abgeworfen und sei dann in den türkischen Luftraum eingedrungen.

Das türkische Außenministerium bestellte nach Angaben eines Regierungsvertreters den russischen Gesandten ein. EU-Ratspräsident Donald Tusk warnte auf Twitter vor einem gefährlichen Augenblick. Alle sollten einen kühlen Kopf bewahren und ruhig bleiben, twitterte Tusk.

Noch ehe die Nato zu einer Krisensitzung zusammengekommen ist, hat Großbritanniens Premierminister David Cameron die türkische Regierung zu Gesprächen mit Russland gedrängt. Der türkische Ministerpräsident Ahmet Davutoğlu habe Cameron angerufen und ihm gesagt, dass das Flugzeug "mehrmals" gewarnt worden sei, teilte die Downing Street in London mit. Cameron habe seinen Amtskollegen gebeten, durch Gespräche eine weitere Eskalation zu verhindern.

Die Türkei hatte bereits im Juli nach Terroranschlägen ein Nato-Sondertreffen beantragt. Damals berief sie sich auf Artikel 4 des Nato-Vertrags. Dieser sieht Konsultationen vor, wenn ein Mitglied der Ansicht ist, dass die Unversehrtheit des eigenen Territoriums, die politische Unabhängigkeit oder die eigene Sicherheit bedroht sei. Von Artikel 4 war am heutigen Dienstag zunächst keine Rede. Zunächst wolle die Türkei ihre Nato-Partner über den Vorfall unterrichten.

Der Abschuss belastet das ohnehin schwierige Verhältnis zwischen Russland und der Türkei zusätzlich. Während die Türkei Syriens Präsident Baschar al-Assad stürzen will, unterstützt Russland Assad. Russland und Syrien bombardieren gemeinsam Ziele im Norden Syriens, um den "Islamischen Staat" zu schwächen. Die Türkei wirft Russland jedoch vor, mit den Angriffen auch Assad stärken zu wollen und auch Rebellen ins Visier zu nehmen. Überdies seien Tausende syrische Turkmenen durch die Angriffe vertrieben worden.

Im November hatten türkische Jets eine nicht identifizierte Drohne abgeschossen, die ebenfalls den türkischen Luftraum verletzt hatte.