In einem anderen Russland wäre er wohl längst nicht mehr da. "Obwohl ich mein Land liebe, wäre ich wahrscheinlich ausgewandert, zum Beispiel in die USA", sagt Ruslan Lewiew. Seit er 14 Jahre alt ist, hat er mit Computern zu tun. Als Programmierer, so glaubt er, hätte er gute Chancen im Ausland. Statt sich jedoch um die Karriere zu kümmern, fährt er in seiner Zweiraumwohnung am Moskauer Stadtrand seinen Laptop hoch, um es täglich mit der eigenen Regierung aufzunehmen.

Lewiew, 29, ein hagerer junger Mann mit Kurzhaarschnitt und Piercings in beiden Ohren, hat gerade wieder einen neuen Eintrag in seinem Blog veröffentlicht. Eine Recherche, die Wladimir Putins Darstellung eines sterilen Luftkriegs in Syrien angreift. Medien auf der ganzen Welt nehmen die Geschichte auf, etwa die Nachrichtenagentur Reuters. Sie basiert auf Fotos, herausgefischt aus dem sozialen Netzwerk VKontakte, aus Twitter oder Instagram. Russische Militärangehörige sind darauf zu sehen, weit entfernt  vom Luftwaffenstützpunkt, unterwegs durchs syrische Hinterland oder mit Kalaschnikows posierend in der Stadt Homs. Meistens sind es Details auf den Bildern, die eine einwandfreie Verortung erlauben. "Wir haben zwar noch keinen Beweis für eine direkte Verwicklung russischer Soldaten in Kämpfe, allerdings widersprechen unsere Beobachtungen der öffentlichen Darstellung", heißt es vorsichtig im Blog.

Wir, das ist eine Mannschaft von sechs Mitstreitern, die sich bei Recherchen während der Ukraine-Krise über Twitter und andere Netzwerke gefunden hat und sich nun Conflict Intelligence Team (CIT) nennt. Obwohl der junge Russe von "Feinden" spricht, wenn es um Russlands Staatsspitze und deren Propaganda geht, bemüht er sich um Ausgewogenheit in seinen Berichten. "Wenn wir einen Hinweis finden, etwa auf tote russische Soldaten oder auf den Beschuss von Zivilisten, dann spielen wir erst mal des Teufels Anwalt", sagt Lewiew.

"Der Rest ist Arbeit von Journalisten"

Nicht jede Bombe, die auf ein syrisches Wohnhaus niedergeht, sei aus Russland, wie manche Aktivisten schnell behaupten. Auch Berichte über viele Verluste bei den russischen Streitkräften ließen sich momentan nicht belegen. "Wir ziehen alles so lange in Zweifel, bis es für uns bewiesen erscheint", sagt Lewiew. Das Ergebnis: Am Ende landet nur die Spitze des Eisbergs im Blog und damit in der Öffentlichkeit. "Wir können nur das zeigen, was aus offenen Quellen oder durch unsere Leute vor Ort dokumentierbar ist, der Rest ist Arbeit von Journalisten."

Mit den Medien umzugehen, das haben Lewiew und sein Conflict Intelligence Team in den vergangenen Monaten gelernt. Ihre Berichte gehen mit Sperrfrist zuerst an Redaktionen, damit diese ihre Arbeit machen können. Mit Einblicken in ihre zum Teil zweifelhaften Methoden wecken sie Aufmerksamkeit und schaffen gleichzeitig eine Aura des Geheimen: So installieren sie illegal Kameras auf Gleisen, um Militärtransporte aufzudecken; sie wenden sich unter Vorwänden an Angehörige gefallener Soldaten, um an Informationen zu kommen. Im Falle Syriens arbeiten sie nach eigenen Angaben mit zwei Freiwilligen aus dem Kaukasus zusammen, die im Bürgerkrieg gegen das Assad-Regime kämpfen.

Schützt ihn sein Name?

Ansonsten seien alle Mitglieder anonym, selbst wenn sie untereinander im Team-Chat kommunizierten. Nicht einmal Wortführer Lewiew kennt die Namen oder ihre Standorte. Das sei notwendig, um sich vor möglicher Strafverfolgung zu schützen.

Um sich selbst macht sich Lewiew keine Sorgen. In der Opposition sei er nicht unbekannt. Im Protestwinter 2011 sei er das erste Mal bei einer Demo festgenommen worden, seitdem hat er sich dem Team von Oppositionsführer Alexej Nawalny angeschlossen und in seiner Antikorruptionsstiftung gearbeitet. Anders als sein politisches Idol sei er noch ein zu kleiner Fisch für den Geheimdienst, sagt er. 

Dabei stand sein Name schon in der New York Times, in der türkischen Milliyet, bei der BBC, in der Financial Times und in allen namhaften russischen Zeitungen. Auch die berüchtigten Abendnachrichten im russischen Staatsfernsehen hatten ihn bereits auf dem Schirm. Mitte September hatte das Conflict Intelligence Team eine Recherche veröffentlicht, aus der hervorging, dass Russland eine Militärpräsenz in Syrien aufbaute. Der Nachrichtensprecher bezeichnete das als Lüge.

Eine Lüge, die sich eine Woche später ganz offiziell als Wahrheit herausstellte. Auch den Tod des ersten Armeeangehörigen in Syrien recherchierte das CIT in russischen sozialen Netzwerken, wenig später kam die Bestätigung des Verteidigungsministeriums. Der Berufssoldat habe Selbstmord begangen, lautete die offizielle Version.

Vorbereiten auf die Zeit nach Putin

"Diesen Fall aufzudecken, war einfacher als es scheint", erklärt Kirill Michailow, der zweite CIT-Aktivist, der seinen Namen öffentlich nennt, weil er als Englisch-Übersetzer derzeit in Kiew wohnt und sich daher außer Reichweite der Moskauer Behörden sieht. Die russischen Netzwerke wie VKontakte besitzen viel ausgedehntere Suchmöglichkeiten als zum Beispiel Facebook, etwa nach Stichworten wie "Syrien" und "gestorben" in Kommentaren, oder nach den genauen Truppenteilen, in denen jemand dient, falls dieser angegeben wurde. Zudem benutzen die russischen Netzwerke spezielle Programme, die Fotos mit Ortskennzeichnung im Netzwerk anzeigen, etwa in Syrien. Im Fall des 19-jährigen Berufssoldaten Wadim Kostenko wurden die Hobbyermittler auf einen Trauer-Post einer Verwandten aufmerksam und meldeten sich unter einer Legende bei ihr. "Prinzipiell kann jeder das tun, was wir tun", sagt Michailow. Er selbst habe von vielen Recherchemethoden erfahren, als er Berichte des Recherchenetzwerks Bellingcat übersetzte.

Zehntausende lesen mittlerweile den CIT-Twitter-Account und den Livejournal-Blog. Für Lewiew eine Investition in die Zukunft. "Wir müssen uns das Vertrauen der Leute erarbeiten für die Zeit nach Putin", sagt der Blogger. Das Regime des russischen Präsidenten werde irgendwann unter der Last der Probleme zusammenbrechen. Dann wolle er versuchen, seinen Einfluss geltend zu machen, um die Situation positiv zu beeinflussen. Derzeit plane er eine Fundraising-Kampagne, um seinen Mitstreitern ein Gehalt zahlen zu können. Momentan arbeite er beim Streaming-Start-up Newcaster, das er mitgegründet hat und das Livestreams für unabhängige Medien organisiert, etwa von Demonstrationen oder Gerichtsverhandlungen.

Wie das neue Russland aussehen soll, kann sich Lewiew gut vorstellen. Er bezeichnet sich als Liberalen an der Grenze zum Nationalismus und als Patriot, "im guten Sinne, natürlich". Von den patriotischen Reden im Kreml hält er indes nichts. "Ein Land muss zu seinen Taten stehen, auch wenn sie schrecklich sind. Putin kann nicht einmal das."

Dabei lehnt er die Veröffentlichung persönlicher Daten russischer Piloten ab, weil den Soldaten nicht schaden will. Aber die Nation solle sich von ihren Schwächen befreien, sagt er: vom Imperialismus, vom Chauvinismus, der Trunkenheit und von der Untertanenmentalität.