Während diese Zeilen entstehen, sitze ich im Flugzeug Richtung Berlin. Meine Zeit in der Türkei ist vorerst vorbei. Eigentlich war ich Anfang Mai in das Land gekommen, um mich mit der türkischen Zivilgesellschaft etwas näher zu befassen, für das mir die Mercator-Stiftung freundlicherweise ein Stipendium gab. Ich wollte sechs Monate Pause vom Journalismus machen.

Daraus wurden die sechs journalistisch und persönlich wichtigsten und schmerzhaftesten, die ich bis jetzt erleben durfte.

In diesen letzten Monaten ist mehr passiert, als ein Land und seine Menschen eigentlich verkraften können.

Als ich Anfang Mai nach Istanbul kam, las ich eine Nachricht. Es ging um einen Ingenieur, der in einen leeren Fahrstuhlschacht des Hochhauses gefallen war, an dem er gerade selbst mit baute. Keine Absicherung, kein Schild, das ihn vor der Gefahr gewarnt hätte. Eine Überwachungskamera nahm die Szene auf. Man sah den Mann, wie er auf den Knopf drückt, wie sich die Tür des Fahrstuhls öffnet, er noch etwas zu seinem Kollegen sagt und ohne hinzuschauen einen Schritt in Richtung Schacht macht. Er stürzt in die Tiefe. Einfach so. Ein "Arbeitsunfall", wie er jeden Tag in der Türkei passiert. Die 301 Minenarbeiter von Soma vom vergangenen Jahr sind das Symbol für diese vielen Arbeitsunfälle und einfach so beendete Leben geworden. Kein Tag, an dem nicht einer in irgendeine Grube fällt, von irgendeinem Laternenmast erschlagen wird, irgendwo herunterstürzt, von irgendeinem Auto auf die absurdeste Art und Weise angefahren wird, die vorstellbar ist – indem er nämlich einfach nur auf einem Bürgersteig läuft.

Ich fragte Freunde: Warum hat dieses Volk so wenig Mitleid mit seinen Mitmenschen – und mit sich selbst? Dieses Land hier ist das Land der unnötigen Tode.

Das Bittere ist nur: Diese furchtbaren, unnötigen Tode des Alltags und ihre Bekämpfung werden seit Monaten überschattet von den vielen Toden durch Gewalt und Terror des vergangenen halben Jahres. Zunächst war da der Anschlag auf eine Wahlveranstaltung der prokurdischen Partei HDP in Diyarbakır, nur zwei Tage vor der ersten Parlamentswahl Anfang Juni. Dann starben junge Sozialisten bei einem Attentat in der syrisch-türkischen Grenzstadt Suruç. Sie wollten nach Kobane, um beim Wiederaufbau zu helfen. Sie hatten sich im Garten des örtlichen Kulturzentrums versammelt, als sich ein Selbstmordattentäter in die Luft jagte. Ich kenne dieses Kulturzentrum. Während der Kämpfe um Kobane im vergangenen Jahr wurde es zu einem Krankenhaus umfunktioniert, es waren junge Menschen, Krankenpfleger, Medizinstudenten und Ärzte aus dem ganzen Land, die dort hingekommen waren, um freiwillig Verletzte zu versorgen. Ich verbrachte dort einen halben Tag und interviewte die Menschen aus Kobane. Viele Frauen, viele Kinder und alte Menschen waren darunter. Ich sprach mit einer alten Frau, die ihren blinden, diabeteskranken Mann, dem ein Bein fehlte, bis hierhin geschleppt hatte. Bei mehr als 40 Grad Celsius. "Wie hast du das geschafft?", fragte ich sie. Sie lächelte und sagte, dass Gott ihr geholfen habe. Und die Angst vor den Barbaren des IS.