Jetzt wird es peinlich für die EU. Die Brüsseler Kommission hat ihren Fortschrittsbericht zur Türkei über die türkische Wahl hinaus zurückgehalten. Liest man den Entwurf genau, ist das Land eigentlich kein Verhandlungspartner mehr. Präsident Tayyip Erdoğan ließ vor und nach der Parlamentswahl Journalisten drangsalieren, Opponenten verfolgen, kurdische Freischärler im Südosten bombardieren. Nun fühlt Erdoğan sich durch das Wahlergebnis von fast 50 Prozent für die AKP vollauf bestätigt in seinem Kurs. Nie war der Triumphator weniger zu Kompromissen aufgelegt als jetzt.

Es ist der denkbar schlechteste Moment, um mit dem Mann ins Geschäft zu kommen. Doch genau das will die EU jetzt tun. Über die Türkei kommen derzeit die meisten Flüchtlinge nach Europa. In Ankara wird mitentschieden, wie tief die Flüchtlingskrise in Europa noch wird. Auch wenn die Türkei unter Erdoğan uns manchmal etwas an Russland erinnert – so ist sie doch ein ganz anderer Fall. Nicht nur, weil sie echte Parteien hat, eine lebendige Zivilgesellschaft und oppositionelle Medien. Die Türkei ist EU-Beitrittskandidat, Verbündeter in der Nato, das Herkunftsland von Millionen EU-Bürgern, vor allem von deutschen.

Ein Land, von dem wir nicht loskommen – emotional, geografisch, politisch, und jetzt ketten uns die Flüchtlinge aneinander. Wie soll die EU mit der Türkei reden?

Zunächst lohnt sich zu fragen, wie man nicht ins Gespräch kommen sollte. Beispiele lieferten die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini und der Sprecher des Kanzleramts Steffen Seibert. Beide lobten das "Bekenntnis zur Demokratie" mit hoher Wahlbeteiligung. Fehlt da nicht was? Dass diese durch teilweise blutige Polarisierung, Vorbürgerkriegsszenen und hemmungsloses Schüren von Angst erreicht wurde, hätte man eigentlich hinzufügen müssen. Europa sollte die Wahl und den AKP-Sieg respektieren. Schönreden sollte man ihn nicht.

Doch auch überzogene Kritik kann daneben sein. Nämlich, wenn sie kulturalistisch, paternalistisch und abwertend orientalistisch daherkommt. "Da sieht man's mal, die Türkei gehört eben nicht zu Europa – Erdoğan ist ein islamistischer Diktator – Islam und Demokratie passen nicht zusammen." So und ähnlich klingt das europäisch-überhebliche Gerede, das heute genauso falsch ist wie früher. In den ersten sieben Jahren der Regierung Erdoğan hat dieses Gerede in Deutschland und anderen EU-Staaten das Verhältnis zur Türkei nachhaltig vergiftet. Damals, als Erdoğan fest auf Europakurs war und sein Land tatsächlich demokratisierte. Heute geht die böse Saat auf – und das schlechte Verhältnis zu Erdoğan ist zur selbsterfüllenden Prophezeiung geworden.

Worüber also reden?

Erstens kommt die EU nicht umhin, die Rückschritte in der Türkei offen anzusprechen. Nicht kulturalistisch, sondern sachlich. Wo geht es voran, wo nicht? Der EU-Fortschrittsbericht tut das. Offene Rede ist die EU sich selbst und den 50 Prozent der Türken schuldig, die nicht Erdoğan gewählt haben. Die von der AKP marginalisiert werden – und hoffen, dass irgendwer hinsieht. Europa sollte hinsehen.

Zweitens wird die EU mit Erdoğan über Flüchtlinge verhandeln. Dafür, dass Erdoğan weniger Flüchtlinge in die EU lässt, wird Brüssel den Türken besseren Zugang zu Visa verschaffen müssen. Für viele Türken, die die EU für Geschäfte, für Verwandte oder für Tourismus besuchen wollen, sind die Visaprozeduren erniedrigend. Sie rufen nach radikaler Vereinfachung.

Daneben wird die EU Erdoğan wohl viel Geld bieten müssen: Die Rede ist von mehreren Milliarden Euro jährlich für Ausbildung, Beherbergung und Integration von Syrern in den türkischen Arbeitsmarkt. Damit sie ein Interesse haben, zu bleiben.

Das dritte Thema ist reichlich paradox: Die EU wird mit der Türkei nach dem Willen Erdoğans verstärkt über den Beitritt verhandeln müssen, obwohl das Land derzeit gewiss nicht beitrittsfähig ist. Aber die Verhandlungen sind ja, wie die CDU/CSU gern betont, "ergebnisoffen". Im Gespräch ist die Eröffnung des Kapitels 17 über Wirtschaft und Finanzen. Wichtiger noch wäre, über die Kapitel 23 und 24 zu verhandeln, Grundrechte, Justiz und Freiheit.

Klingt ironisch, weil Erdoğan sich gerade hier am weitesten von europäischen Standards entfernt. Ist aber sinnvoll: In den Verhandlungen können die Europäer auf jene Grundsätze drängen, gegen die Erdoğan ständig verstößt. Nicht um die moralische Überlegenheit der Europäer zu demonstrieren. Sondern um Erdoğan daran zu erinnern, was er selbst mal gewollt hat.