Manchmal schimpft Igor auf seine Mutter. Wenn er ein heißes Bad mit seinen Plastikfischen nehmen möchte, wie er das immer getan hat, als sie noch in ihrer Wohnung in Stachanow lebten. Wenn er die Knöpfe auf seinem Kassettenrekorder drücken möchte, um seine Lieblingsmusik zu hören. Auch den Rekorder musste er zurücklassen. Da, wo sie jetzt leben, gibt es nur ein Radio und eine Dusche, die ständig belegt ist und in der man, wenn sie denn frei ist, stehen muss. Unbequem ist das. "Mama, ich will zurück in unsere Wohnung", ruft Igor dann mit hoher, quietschender Stimme. "Wir sind schon zwei Idioten, dass wir hierher gekommen sind." 

Seine Mutter, Neli Sergejewna, weiß nicht, was sie antworten soll. Sie weiß nur, dass es kein schnelles Zurück gibt. Es ist zwecklos, Igor das erklären zu wollen. 

Sergejewna ist eine rosige 70-Jährige und Igor ist ihr 40-jähriger Sohn. Er ist blind und geistig behindert, und seine Bedürftigkeit hat die beiden untrennbar verbunden wie zwei ineinandergewachsene Bäume. Mutter und Sohn sind zwei von 1,4 Millionen Inlandsvertriebenen in der Ukraine. Der Krieg im Donbass hat sie vor knapp einem Jahr gezwungen, ihre Wohnung im Bergarbeiterstädten Stachanow zu verlassen. In Sewerodonezk sind sie in einem Wohnheim in der Majakowski-Straße untergekommen. Ihr Leben passt nun auf ein paar Quadratmeter. Das Zimmer 222 im zweiten Stock: zwei Betten, eine Elektroheizung, Igors bunte Lego-Steine, die er unentwegt zu Rechtecken zusammensetzt, ein paar Lebensmittel, die am Fensterbrett lagern.

"Wir sind doch alle in derselben Lage"

In der Majakowski-Straße leben 68 Inlandsvertriebene, größtenteils Familien, und 160 Studenten und Lehrkräfte auf fünf Etagen zusammen. Studenten in Bademänteln paffen Zigaretten vor dem Haustor, im Inneren poltern Kinder durch die Flure. Es ist eng, man kann die vielen Menschen riechen, gelüftet wird nicht oft, denn Heizen ist teuer. Gröbere Konflikte gebe es dennoch nicht, sagt Sergejewna. Für alles gibt es einen Plan, eine Schichteinteilung, und ab 23 Uhr gilt die Nachtruhe. "Wir sind doch alle in derselben Lage", sagt sie und blickt auf ihren Sohn. Als der Krieg nach Stachanow kam, verfiel Igor in Panik. Die Waffen, der Krach. Er wollte sich verstecken. "Aber wohin kann man fliehen?", fragt sie. "Nirgendwohin." 

Im ukrainisch kontrollierten Sewerodonezk sind die beiden in Sicherheit – aber abgeschnitten von ihrem Heimatort, der sich auf der anderen Seite der Front unter Kontrolle der Separatisten wiederfindet. Die Fahrt von Sewerodonezk nach Stachanow dauerte in Friedenszeiten eineinhalb Stunden. Heute ist es wegen der Checkpoints und Umfahrungen eine Tagesreise. Wie es in der Stadt aussieht? Sergejewna weiß es nicht. Ob ihre Wohnung noch ganz ist? Sergejewna hofft es. 

Als besonders Bedürftige erhält die pensionierte Arbeiterin Unterstützung vom Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP). Die Hilfe hat die Form einer Plastik-Scheckkarte, einlösbar als elektronisches Zahlungsmittel in einer Supermarktkette. Mit einem Betrag über 450 Hrywnja pro Monat – umgerechnet 18 Euro –, kann sie ihr straffes Budget etwas lockern. Von den letzten Hrywnja auf der Karte hat Sergejewna Wurst, Jungzwiebeln und Bananen gekauft. Alles Dinge, die Igor gern isst.

"Am liebsten würde ich selbst mit den Hilfsgütern mitfahren"

200.000 Menschen hat das Welternährungsprogramm bereits erreicht. Bis Jahresende soll es eine halbe Million sein. Die UN-Agentur schätzt, dass 1,3 Millionen Ukrainer Bedarf an Lebensmittelhilfe haben, die Mehrheit davon in den Gebieten, die nicht unter Kontrolle der Regierung sind. Dort sind die Lebenshaltungskosten fast doppelt so hoch wie im ukrainischen Durchschnitt, die Einkommenssituation aber ungleich schlechter. Während auf der ukrainischen Seite die Zahlkarten verteilt werden, vor allem an Inlandsvertriebene, ihre Quartiergeber und Bedürftige in der Pufferzone nahe der Front, erhalten Menschen in den selbst ernannten "Volksrepubliken" Lebensmittelpakete mit Monatsvorräten an Mehl, Nudeln, Öl und Sardinen. Bargeldloser Zahlungsverkehr ist dort nicht mehr möglich. Die UN sprechen von einer "flexiblen" Hilfe, sozusagen maßgeschneiderte Lösungen für die Lage der Bedürftigen diesseits und jenseits der Frontlinie. Doch die Zeit drängt. Der Winter naht. 

Im UN-Standort in Kramatorsk ist Zulfia Sabir täglich damit beschäftigt, humanitäre Hilfslieferungen an die Menschen zu bringen. Sabir, die aus Usbekistan stammt und Russisch spricht, sitzt in einem kahlen Büro hinter ihrem Schreibtisch. Die Stunden verrinnen zwischen Meetings, Skype-Konferenzen und Telefonaten. Als Chefin des WFP-Lokalbüros hat die nimmermüde Frau keinen leichten Job: Einmal getroffene Zusagen werden wieder zurückgenommen, die Sicherheitslage ändert sich stündlich, und die Transportlogistik ist angesichts verminter Straßen, gesprengter Brücken und mannigfaltiger Dokumente eine Wissenschaft für sich. "Am liebsten würde ich selbst mit den Hilfsgütern mitfahren", sagt Sabir.