Auch auf der Krim hatte so etwas niemand für möglich gehalten, doch in der Nacht zum Sonntag um Mitternacht fielen die zwei verbliebenen Stromleitungen aus, die vom ukrainischen Festland zur russisch besetzten Halbinsel Krim führen. Sie wurden vermutlich gesprengt. Zwei weitere können seit Tagen aus demselben Grund nicht mehr benutzt werden. 

Die 2,3 Millionen Krim-Bewohner waren weitgehend ohne Strom: Fernseher gingen aus, Mobilfunknetze kollabierten. Nur in der Hauptstadt Simferopol und im Umland wurden ab dem Morgen danach die Haushalte wieder mit Strom versorgt, allerdings nur für sechs Stunden pro Tag. Doch viele kleinere Orte müssen ganz ohne Strom auskommen. Auf der Krim wurde der Notstand ausgerufen.

Es gleicht einem Albtraum, was sich auf der Schwarzmeerhalbinsel gerade abspielt. Dunkle Straßen, Schulen und Kindergärten geschlossen, große Probleme mit dem Mobilfunknetz, Schwierigkeiten mit Lebensmittelversorgung – und all das wohl für längere Zeit. Laut dem Ministerpräsidenten der Krim, Sergej Aksjonow, könnte die Stromkrise bis Jahresende dauern. Dann soll der erste Teil der sogenannten Energiebrücke fertig werden: ein Unterseekabel in der Straße von Kertsch, das die Krim mit dem russischen Festland verbinden soll.

Blockadeaktivisten wollen Druck auf Moskau

Die jetzt ausgebrochene Stromkrise hat eine Vorgeschichte, die im September begann. Damals riefen die führenden Figuren des Medschlis, der Hauptsammlung der Krimtataren, zur "zivilen Blockade der Krim" auf. "Wir dürfen nicht weiter zuschauen, wie Russland die Menschenrechte verletzt, wie die Krimtataren und andere proukrainische Gruppen politisch verfolgt werden. Wie kann die Ukraine mit dem Okkupationsregime auf der Krim noch Handel treiben?", begründete der Anführer des Medschlis, Refat Tschubarow, die Aktion. Er und seine Verbündeten wollten mit einer Blockade der Krim Druck auf Moskau aufbauen. 

Seit zwei Monaten blockieren proukrainische Krimtataren und Anhänger des Rechten Sektors Lkws, die Lebensmittel aus der Ukraine auf die Krim bringen sollen. Eine eigenmächtige Aktion der Aktivisten ohne rechtliche Grundlage oder Erlaubnis der Regierung in Kiew. Doch der ukrainische Präsident Petro Poroschenko hat auch nichts gegen die teils bewaffneten Aktivisten der Blockade unternommen, vermutlich wäre es für die Polizei zu gefährlich. Die ukrainische Regierung duldete die Krim-Blockade. 

"Ich weiß nicht, wer die Strommasten gesprengt hat. Aber ich kann erklären, warum es getan wurde", sagte Ajder Muschdabajew, der stellvertretende Generaldirektor des krimtatarischen Senders ATR und einer der wichtigsten Figuren der Blockade-Aktion. Er selbst will keine Verantwortung übernehmen, die Sprengung aber auch nicht verurteilen. Noch ist unklar, was genau geschehen ist, doch nicht nur die Worte Muschdabajews deuten daraufhin, dass die Aktivisten der "zivilen Blockade der Krim" daran beteiligt waren. Denn es sind diese Aktivisten, die nun die Reparatur der Stromleitungen verhindern