ZEIT ONLINE: Herr Kaim, flüchten die Menschen, die jetzt aus Afghanistan zu uns kommen, häufiger aus ökonomischen Gründen oder weil sie um ihre Sicherheit fürchten?

Markus Kaim: Ich formuliere es mal vorsichtig: Die Flüchtlingszahlen sind ungefähr zu der Zeit angestiegen, als sich die Sicherheitslage in Afghanistan deutlich verschlechtert hat. Ich finde es plausibel, das als einen Grund zu sehen.  

Natürlich wird es auch viele geben, die über die politische Entwicklung im Land enttäuscht sind. Nach den Wahlen im vergangenen Jahr war die Hoffnung groß, dass die Blockaden im Land aufgelöst werden. Das ist nicht geschehen. Das Land krankt nach wie vor an Korruption und Nepotismus. Dass sich allerdings die Sicherheitslage verschlechtert, ist evident. Wer das leugnet, verschließt seine Augen.

ZEIT ONLINE: Wie kann man sich das Leben in Afghanistan zurzeit vorstellen?

Kaim: Lassen Sie mich mit dem Reisehinweis des Auswärtigen Amtes antworten: "Vor Reisen nach Afghanistan wird dringend gewarnt. Wer dennoch reist, muss sich der Gefährdung durch terroristisch oder kriminell motivierte Gewaltakte bewusst sein. Der Aufenthalt in weiten Teilen des Landes bleibt gefährlich."

Die Sicherheitslage war in den letzten Jahren schon schlecht im Süden und im Südosten, an der Grenze zu Pakistan. Im Norden und im Westen des Landes war es vergleichsweise immer besser. Der jüngste UN-Bericht weist aber darauf hin, dass es im Süden schlecht geblieben ist, und im Norden und Westen gefährlicher wird. Natürlich gibt es Städte wie Kabul oder Herat, in denen es etwas sicherer ist. Das kann sich aber auch sehr schnell ändern, wie wir bei der Eroberung von Kundus durch die Taliban vor einigen Wochen gesehen haben.

ZEIT ONLINE: Die Bundesregierung sagt, dass die Afghanen auch innerhalb des Landes flüchten können.

Kaim: Mir leuchtet nicht ein, wieso es sinnvoll sein soll, die afghanische Bevölkerung überhaupt aus ihren angestammten Siedlungsgebieten in Gang zu setzen. Wenn die Regierung und die internationalen Partner die Afghanen ernsthaft ermutigen, von einer Region in eine andere zu gehen, ist das politische Signal: Wir geben diese Region faktisch auf.

ZEIT ONLINE: Nach dieser Logik dürfte Deutschland aber erst recht keine Flüchtlinge aufnehmen.

Kaim: In Deutschland kollidiert die sicherheitspolitische Sicht auf Afghanistan mit der migrationspolitischen. Sie haben aber nichts miteinander zu tun. Afghanistan ist nach wie vor ein Bürgerkriegsland. Die Zahl der sicherheitsrelevanten Vorfälle ist nach Angaben der Vereinten Nationen im dritten Quartal 2015 im Vergleich zum Vorjahr um 19% gestiegen. Die Zahl der von den Aufständischen kontrollierten Provinzen und Distrikte ist so hoch wie seit der westlichen Invasion 2001 nicht mehr. Die Lage hat sich verschlechtert und verschlechtert sich mit jedem Tag weiter. Vielleicht findet man mit viel politischem Willen noch Regionen, in denen sie etwas besser ist. Das kann aber keine Grundlage dafür sein, jetzt massenweise Flüchtlinge zurückzuschicken.

ZEIT ONLINE: Ist es verantwortungslos, die Flüchtlinge zurückzuschicken?

Kaim: Sagen wir so: Das, was ich an Debatten in Deutschland wahrnehme, deckt sich in keiner Weise mit den Berichten, die wir von den Vereinten Nationen aus Afghanistan erhalten. Es deckt sich ja noch nicht mal mit dem, was das Auswärtige Amt sagt.