Alle düsteren Szenarien haben nichts geholfen: Vor einer Gefahr für die "Sicherheit und Zukunft ganzer Familien" hatte Esperanza Aguirre, die Chefin der Partido Popular (PP) der Autonomen Region Madrid, noch am Freitag gewarnt: Wer nicht für die Konservativen stimme, riskiere, dass es bald vorbei sein könnte mit dem leichten Wirtschaftsaufschwung.

Da ahnten sie und ihre Partei schon, dass es bitter enden könnte für die PP an diesem Sonntag kurz vor Weihnachten. Bei den Parlamentswahlen in Spanien ist die Partei von (Noch)-Ministerpräsident Mariano Rajoy mit gerade einmal 28,7 Prozent der Stimmen zwar stärkste Kraft geworden. Die Konservativen haben aber auch dramatisch verloren: Bei der letzten Wahl 2011 kamen sie noch auf fast 45 Prozent.

Nun ist es nicht mehr abzustreiten, wie sehr die Spanier ihren viel verspotteten Regierungschef und die von Korruptionsfällen gebeutelte Partei satt haben. In den ländlichen Gebieten schafften es die Konservativen ersten Analysen zufolge nicht mal, ihre Stammwähler zu mobilisieren. Vor allem aber fehlt der PP, die bisher allein regierte, nun eine Mehrheit im Parlament – sowie ein potenzieller Koalitionspartner. Stundenlang zeigte sich am Wahlabend kein verantwortlicher Politiker, dann kündigte ein zerknirscht wirkender Rajoy an, er würde "versuchen", eine neue, stabile Regierung zu bilden.

Gerade noch so auf Platz zwei landeten die Sozialisten der Arbeiterpartei PSOE, die schon einmal 14 Jahre in Folge Spanien regierten, nun aber mit 22 Prozent der Wählerstimmen ebenfalls ein klägliches Ergebnis einfuhren. Am frühen Sonntagabend hatte es zunächst so ausgesehen, als ob sie sogar von der neuen Partei Podemos überholt werden könnten – die nur 1,4 Prozentpunkte dahinter lag. 

Podemos ist der große Wahlsieger

Tatsächlich ist die linke Formation um Pablo Iglesias trotz Platz drei der große Wahlsieger. Das war auch dessen strahlendem Gesicht anzusehen. Podemos, gegründet im Zuge der Jugendproteste gegen die Sparpolitik, war ursprünglich angetreten, um die "Kaste" in Politik und Wirtschaft zu brechen und ein neues, linksalternatives Projekt für Spanien zu entwerfen. Das gute Wahlergebnis hat Podemos vor allem seinem charismatischen Anführer zu verdanken, der seine Formation zuletzt in betont moderatem Ton als bessere Alternative zu den Sozialdemokraten verkauft hat. Es war eine optimistische Wohlfühlkampagne, die auch Zweifler einband: Podemos, erst 2014 gegründet, kam aus dem Stand auf 20,6 Prozent der Stimmen.

Die neuen Liberalen Ciudadanos um den katalanischen Anwalt Albert Rivera, die sich in Abgrenzung zu Podemos für einen "sanften politischen Wandel" in Spanien einsetzen, landeten zur Überraschung vieler mit rund 14 Prozent nur auf Platz vier. Rivera fehlen einige Abgeordnete, um – wie im Vorfeld angenommen – der "Königsmacher" einer neuen konservativen Regierung zu sein.

Auch Neuwahlen werden diskutiert

Völlig unklar ist also, wer Spanien künftig regieren wird. Auch für ein Linksbündnis aus PSOE und Podemos sowie den Linken nahestehenden Gruppierungen gibt es keine Mehrheit. Möglich, dass die Linken bei den kleinen Regionalparteien, die 28 Abgeordnete im Parlament stellen, auf Werbetour gehen. Eigentlich aber hat Podemos das Juniorpartner-Dasein vehement abgelehnt.

Die komfortabelste Mehrheit hätten PP und PSOE. Rajoy und Sozialistenchef Pedro Sánchez waren sich im Wahlkampf noch spinnefeind – sendeten am Abend aber erste verbale Versöhnungssignale aus.

Es ist das große Dilemma des viel beschriebenen Wandels der spanischen Politik weg von einem Zweiparteiensystem hin zu einem bunten Parlament: Die Fragmentierung könnte ausgerechnet in eine große Koalition führen. Ein Regierungsbündnis, das oft als statisch und wenig zukunftsweisend wahrgenommen wird. Auch Neuwahlen werden von den spanischen Kommentatoren diskutiert.