Am 17. Dezember 2010 verbrannte sich Mohamed Bouazizi aus Protest gegen die Willkür der Behörden auf einem Marktplatz in Tunesien. Es war der Auslöser für einen unvergleichlichen Aufstand in der arabischen Welt. Freiheit, Demokratie und soziale Gerechtigkeit forderten die Protestler. Es folgten Unruhen, Massenproteste und brutale Repression. Aber auch freie Wahlen und ein Aufbegehren der jungen Generationen. Doch was ist geblieben? Das einstige Vorzeigeland Tunesien wird zunehmend fragiler, jeder Anschlag erschüttert die Stabilität. Bei den Nachbarstaaten sieht es von Ausnahmen abgesehen kaum besser aus.

Marokko: Anker der Stabilität

Das Königreich gilt als stabilstes Land in der Region. Der arabische Frühling hat dem vom Herrscherhaus angestoßenen Demokratisierungsprozess Schwung gegeben: Langsam, aber sicher ziehen sich König Mohammed VI. und seine Familie aus der aktiven Politik zurück. Zwar wird die Regierung durch Gefolgsleute des Königs kontrolliert, Pressefreiheit gibt es nicht konsequent, auch in Fragen der sozialen Gerechtigkeit hinkt das Land hinterher. Doch 2015 gab es freie Wahlen. Das Land könnte somit die erste stabile Demokratie im nordafrikanischen Raum werden – vorausgesetzt, die Lage in den Nachbarländern beruhigt sich.

"Noch immer fürchten sich viele Leute vor islamistischen Anschlägen", sagt Abderrahman Tlemçani, Koordinator der Friedrich-Ebert-Stiftung in Marokko. Ein Übergreifen des libyschen Krieges beispielsweise oder ein Zusammenbruch Algeriens würden das Land auch in Mitleidenschaft ziehen, die momentan gut entwickelte Wirtschaft abwürgen und Investoren wie Touristen abschrecken. Innenpolitisch kann das Königreich im Kampf gegen Instabilität und Terror durchaus Fortschritte verzeichnen.

Bereits 2011 rief König Mohammed VI. zur Offensive gegen die sich ausbreitenden radikalen Islamisten. Mit einigem Erfolg. Seit 2011 gab es nur einen Anschlag. Helmut Reifeld, Landesbeauftragter für Marokko der Konrad-Adenauer-Stiftung, urteilt: "Das Land ist auf einem sehr guten Weg und wird – soweit es keine Rückschläge gibt – einer der wichtigsten europäischen Partner in den nächsten Jahren sein."

Algerien: Soziales Pulverfass

Einen wirklichen Frühling hat es in Algerien nie gegeben. Mit Blick auf den blutigen Bürgerkrieg in den 90er Jahren scheuten viele die erneute Auseinandersetzung, hatten Angst vor dem nachfolgenden Chaos. Einzelne Proteste wurden zudem von der Militärdiktatur niedergeschlagen. "Doch soziale Spannungen werden seitdem immer offensichtlicher", erklärt Merin Abbas, Algerien-Experte bei der Friedrich-Ebert-Stiftung. Die Arbeitslosenquote unter Jugendlichen steigt, auch weil der Preis für Öl – Algeriens Haupteinnahmequelle – fällt. Sollte der Staat die noch großzügigen Geschenke an die Bevölkerung nicht mehr finanzieren können, wird das die inneren Spannungen zusätzlich erhöhen. Noch steht mit Abd al-Aziz Bouteflika ein respektierter Herrscher an der Spitze, der dem Land Stabilität verleiht. Doch Bouteflika ist 78 Jahre alt und todkrank. Stirbt er, könnte das der Auslöser für eine Revolution sein oder einen Bürgerkrieg. Militante islamistische Gruppen könnten erneut versuchen, an die Macht zu gelangen.

Das Militär wird wiederum seine Vormachtstellung verteidigen unbedingt wollen. Eine Situation, die viele Algerier an den schrecklichen Bürgerkrieg erinnert, der ab 1991 das Land erschütterte. Käme es so, wäre es für die gesamte Region brandgefährlich. Denn die Grenzen zu instabilen Staaten wie Libyen und Mali könnten nicht mehr ausreichend gesichert werden. Es drohte ein rechtsfreier Korridor von Zentralafrika bis an die Mittelmeerküste.

Libyen: Der IS-Faktor

Ein Friedensabkommen macht Hoffnung auf eine Wende im Bürgerkrieg in Libyen. Doch die Unterzeichnung der vom deutschen UN-Sondergesandten Martin Kobler im Dezember ausgehandelten Übereinkunft zwischen den beiden Bürgerkriegsparteien wäre nicht der erste Verhandlungserfolg, der dann doch nicht umgesetzt werden konnte.

Tatsächlich dürfte sich die Lage in dem ölreichen Land so schnell nicht verbessern. Beide Machtblöcke, die international anerkannte Regierung mit Sitz in der Stadt Tobruk und die von Islamisten geführte Gegenregierung in Tripolis, kontrollieren jeweils Teile der Ölproduktion und können ihren Kampf damit noch lange finanzieren. Allenfalls die drohende Ausbreitung des "Islamischen Staates", der mit den lokalen Islamisten nichts gemein hat, könnte den Druck auf sie erhöhen, zusammenzuarbeiten.
Der IS-Faktor könnte auch die internationale Aufmerksamkeit wieder stärker auf Libyen ziehen. Seit deutlich weniger Flüchtlingsboote von der libyschen Küste in Richtung Europa ablegen, weil sich die Hauptflüchtlingsroute ins östliche Mittelmeer verlagert hat, ist das Interesse am Geschehen im Land zurückgegangen. Dabei verschärfen Waffen und Kämpfer aus Libyen Spannungen in anderen Ländern der Region und gefährden die Stabilität ganz Nordafrikas.

Ein internationaler Militäreinsatz wie in Syrien ist aber unwahrscheinlich. Schließlich waren schon die 2011 von Frankreich, den USA und Großbritannien geführten Luftschläge gegen den früheren Machthaber Muammar al-Gaddafi international umstritten. Ein Abgleiten des Landes ins Chaos konnten sie nicht verhindern. Libyen steht daher wohl vor einem Verhandlungs- und Übergangsprozess der kleinen Schritte.