Am Tag nach dem Brand im AKW Tihange meldete die belgische Tageszeitung De Morgen politische Reaktionen: "Die Regierung Nordrhein-Westfalens fordert Stilllegung Tihanges nach Zwischenfall", lautete der Titel. Auch die anderen großen Medien machten mit Protest aus dem Nachbarland auf. Von belgischen Statements war indes keine Rede – weder zum Brand noch als Antwort auf die deutsche Kritik. Der Grund ist einfach: Es gibt sie nicht.

Das mag zum einen daran liegen, dass der Brand, wie die Betreiberfirma Electrabel mitteilte, im "nicht-nuklearen Teil" des Reaktors 1 stattfand und dieser sich, wie in einem solchen Fall vorgesehen, automatisch abschaltete. Zum anderen hat womöglich die Pannenserie der vergangenen Jahre zu einem Gewöhnungseffekt geführt. Doch vor allem ist die belgische Einstellung zur Atomkraft geprägt von bemerkenswerter Unaufgeregtheit. Woher kommt diese scheinbar fatalistische Haltung?

Grundsätzlich orientiert man sich in Belgien an der französischen politischen Kultur und an deren Fortschrittsverständnis. Da wird Atomkraft generell positiver gesehen als etwa in Deutschland.

Doch es gibt auch ganz pragmatische Erklärungen: Rund 3.000 Arbeitsplätze, so sagt es Electrabel- Sprecherin Hugé, gibt es in den beiden AKWs, viele für die Menschen in der unmittelbaren Umgebung. Das sorgt für eine regionale Verankerung der Atomkraftwerke. Für die Menschen ist ihr reales Einkommen, die Grundlage des alltäglichen Lebens, wichtiger als die potenzielle Gefährdung.

Im niedlichen Städtchen Huy, das keine fünf Kilometer entfernt vom Meiler Tihange an der Maas liegt, ist man sich bewusst, dass man die Kulturevents und die Touristen nicht zuletzt den Steuereinnahmen von Electrabel verdankt. Und am nuklearen Standort Doel bei Antwerpen ist die lokale Bevölkerung dem Meiler zugeneigt, weil die Sicherheitszone von knapp zwei Kilometern andere industrielle Aktivitäten verbietet. Das Dorf fühlt sich nämlich latent von der Ausbreitung des Antwerpener Hafens bedroht und sieht daher im AKW eine Art Schutzpatron.

Angst vor einem Blackout

In Antwerpen ist erst seit der Katastrophe von Fukushima ein Bewusstsein für das atomare Risiko in der unmittelbaren Umgebung entstanden. Auch die kleine atomkritische Bewegung erwachte erst nach Fukushima wieder zum Leben. Denn nachdem Belgien 2003 einen schrittweisen Atomausstieg beschlossen hatte, lehnten sich die meisten Aktivisten beruhigt zurück. Nach 40-jähriger Laufzeit sollten die Reaktoren abgeschaltet werden – je nach dem Jahr der Inbetriebnahme wäre das zwischen 2015 und 2025. Doch seither sind die 2015 ausgelaufenen Lizenzen der ältesten Reaktoren um jeweils zehn Jahre verlängert worden.

Geschuldet ist dies nicht zuletzt der Angst vor einem Blackout in der Energieversorgung. Entsprechende Befürchtungen wurden in den vergangenen Jahren immer dann laut, wenn einer der sieben Reaktoren wegen Problemen vom Netz genommen werden musste. Das belgische Anti-Atom-Bündnis Nucléaire Stop Kernenergie hält dieses Szenario für "Propaganda", wovon die Nuklearindustrie profitiere. Über die Rhetorik mag man streiten, doch in der Tat kommt die Erschließung alternativer Energiequellen nicht voran. Im Zweifelsfall wird auf das zurückgegriffen, woran man sich gewöhnt hat.

Die Dominanz von Electrabel

Electrabel kommt bei der Energieversorgung insgesamt eine Schlüsselposition zu. Das Unternehmen, eine Tochter des französischen Konzerns Engie, setzt auch auf grüne Energie und dominiert in diesem Segment ebenso den belgischen Markt. Die oppositionellen und marginalen Ökoparteien Groen und Ecolo kritisieren dieses "Diktat", wie es der Groen-Abgeordnete Kristof Calvo bezeichnet. Nicht die zuständige Ministerin bestimme die belgische Energiepolitik, sondern der Konzern Engie. Energieministerin Marie-Christine Marghem weist die Vorwürfe zurück.

In Huy scheint es, als gehöre der Rauch aus den Kühltürmen ebenso zum Stadtbild wie die rot blinkenden Kontrolllichter des Meilers in der Nacht. Ein Paar mittleren Alters, das am Tag nach dem Brand in Tihange durch das Stadtzentrum bummelt, bringt es auf den Punkt. Sie haben Freunde, die im AKW arbeiten. Es gebe jetzt eine Menge Sicherheitsmaßnahmen. "Natürlich wissen wir, dass es gefährlich ist", sagt der Mann. "Und wir denken auch gelegentlich daran. Aber nicht so oft."