Der saudische Verteidigungsminister Mohammed bin Salman (2. v. l.), Zweiter in der Thronfolge © Fayez Nureldine/AFP/Getty Images

Nach den Anschlägen von Paris wird der außenpolitische Ton gereizter. Vor allem die sunnitischen Regionalmächte Türkei und Saudi-Arabien müssen sich inzwischen einiges an Kritik anhören: Die Türkei fördert den "Islamischen Staat" durch löchrige Grenzen, Dschihadisten-Transfer, Rohölschmuggel und Bombenangriffe auf kurdische Einheiten; die saudische Salafistenmission wiederum schuf den Nährboden für eine weltweite Radikalisierung, ohne die der Zulauf von IS-Rekruten aus mehr als 100 Nationen nach Syrien und in den Irak nicht erklärbar ist. Die Repressionen des Ölimperiums am Golf gegen Menschenrechtler und Blogger empören Bürger rund um den Globus. Der im März vom Zaun gebrochene Krieg im Jemen öffnete dem IS erstmals den Weg zur Südspitze der Arabischen Halbinsel. Der Terrorrivale Al-Kaida dort ist ebenfalls stärker als je zuvor: Mit der Hafenstadt Mukalla und der Südprovinz Abyan beherrschen seine Kämpfer jetzt ein eigenes Kalifat.

Und so bescheinigte der Bundesnachrichtendienst dem superreichen Wüstenstaat in der vergangenen Woche eine "impulsive Interventionspolitik", die die Stabilität der Golfregion gefährde. Vizekanzler Sigmar Gabriel legte am Sonntag nach und warf Saudi-Arabien vor, islamischen Extremismus zu exportieren. Man sei zur Lösung der regionalen Konflikte zwar auf sie angewiesen, sagte Gabriel der Bild-Zeitung. "Wir müssen den Saudis aber zugleich klarmachen, dass die Zeit des Wegschauens vorbei ist."

Umstritten ist vor allem der junge Vizekronprinz Mohammed bin Salman, der Lieblingssohn des Königs. Als Verteidigungsminister spielt er eine zentrale Rolle bei der neuen forschen Linie. In politischen Kreisen in Riad, aber auch in Teilen der Königsfamilie, ist wenig Gutes zu hören über den Aufsteiger, der als Einziger der Führungsriege nicht im Ausland studierte. Er gilt als hyperehrgeizig, skrupellos, impulsiv und arrogant. Zusammen mit Innenminister und Kronprinz Mohammed bin Nayef steuert der 30-Jährige die Geschicke des Landes, während dem fragilen und kränkelnden 79-jährigen König Salman die Kontrolle offenbar entgleitet.

Ideologisch nah an den Dschihadisten

Kronprinz Nayef gilt als "Terroristenfresser" und Verfechter eines harten Kurses im Inneren – gegen Extremisten, Bürgerrechtler, Kritiker des Königshauses und schiitische Aktivisten gleichermaßen. Ungeachtet internationaler Kritik ließ er in diesem Jahr die Hinrichtungen auf öffentlichen Plätzen verdoppeln, ihre Zahl ist inzwischen so hoch wie seit 20 Jahren nicht mehr. Parallel dazu streuen regimenahe Zeitungen derzeit Gerüchte, eine Massenexekution von 50 Terroristen, Oppositionellen und schiitischen Verurteilten stehe unmittelbar bevor.

Ideologisch fungiert Saudi-Arabien seit drei Jahrzehnten als wichtigste Drehscheibe religiöser Militanz. Das wahabitische Missionsprogramm, geschmiert mit Milliardenbeträgen aus dem Ölgeschäft, hat seine Wurzeln in einer speziellen Machtallianz zwischen dem Königshaus Al-Saud und der wahabitischen Klerikerkaste. Die ultrakonservativen Geistlichen verleihen den Herrschern religiöse Legitimität. Dafür bekommen ihre Eiferer nahezu unbegrenzte Möglichkeiten, ihren puritanischen, intoleranten und frauenfeindlichen Einheitsislam weltweit zu verbreiten. Von Marokko bis Jemen, von Pakistan bis Indonesien, zunehmend auch in Europa dämonisieren die ultraorthodoxen Emissäre die lokale Frömmigkeit als unislamisch oder häretisch. Opulente Stipendienprogramme in Mekka und Medina für Abertausende Nachwuchsimame aus aller Welt sorgen dafür, dass diese aggressive Gleichschaltung inzwischen jeden Winkel der Erde erreicht.

Auch die Freitagspredigten der staatlich besoldeten wahabitischen Gelehrten in Saudi-Arabien unterscheiden sich kaum von der archaischen Korandoktrin des selbst ernannten Kalifen Abu Bakr al-Bagdadi. Die religiös-ideologischen Überzeugungen sind einander verwandt. Beide Seiten praktizieren die gleichen barbarischen Scharia-Körperstrafen. Menschen werden ausgepeitscht, gekreuzigt, bekommen Gliedmaßen abgehackt oder mit einer Klinge den Kopf vom Rumpf geschlagen. Entsprechend doppelgesichtig wirkt das Agieren Saudi-Arabiens gegenüber seinen radikalen Zöglingen. Während der Königshof den Bürgern per Dekret verbot, Gruppen wie dem "Islamischen Staat" und Al-Kaida "moralische oder materielle Unterstützung zu geben", konterten 50 Hardliner-Kleriker mit einem Aufruf an alle Muslime, sich gegen Russland, den Iran und das Assad-Regime in Syrien zusammenzuschließen. Die Dschihadisten in Syrien priesen sie dabei ausdrücklich als "heilige Krieger".