Beate Zschäpe hat jetzt nichts mehr zu verbergen, auch sich selbst nicht: Das ist die Botschaft, die Deutschland sehen soll. Die 40-Jährige schreitet deshalb an diesem mit großer Spannung erwarteten Mittwochmorgen im Münchner Gerichtssaal auf ihre beiden neuen Anwälte Mathias Grasel und Hermann Borchert zu – und auf den Pulk aus Fotografen und Kameramännern. Zschäpe lächelt breit, die Fotoapparate klicken. Zschäpe schüttelt die Hände der Anwälte, sie dreht sich nicht weg von den Kameras, wie in den zweieinhalb Jahren zuvor. Es ist der Beginn der großen Zschäpe-Show im NSU-Prozess.

53 Seiten wird Anwalt Grasel wenig später im Gericht verlesen, die Aussage seiner Mandantin, angeklagt als Mittäterin bei zehn Morden, zwei Sprengstoffanschlägen, 15 Überfällen, als Brandstifterin und versuchte Mörderin, und vor allem: als Terroristin. Die 53 Seiten, so haben sich Zschäpe, Grasel und Borchert das offenbar vorgestellt, sollen in einem Wisch alle Anklagepunkte als nichtig oder weniger schlimm erscheinen lassen. Als reiche es, ein paar teils weit hergeholte Erklärungen zu präsentieren, um doch noch der Höchststrafe zu entgehen: Lebenslang mit anschließender Sicherungsverwahrung wegen besonders schwerer Schuld.

Es ist ein juristisches Himmelfahrtskommando.

Nach dem Verhandlungstag lässt sich feststellen, dass Zschäpe wohl besser weiter geschwiegen hätte wie in den vorigen 248 Verhandlungstagen. Besser für sie selbst, doch auch besser für die Angehörigen der Mordopfer, die danach immer noch nichts darüber wissen, warum ausgerechnet ihre Liebsten sterben mussten. "Da die Aussage eine Lüge ist, akzeptieren wir auch ihre Entschuldigung nicht", sagt nach der Sitzung der Vater des 2006 in Kassel erschossenen Internetcafé-Betreibers Halit Yozgat, Ismail Yozgat.
Die Entschuldigung hatte so ausgesehen: "Ich entschuldige mich aufrichtig bei allen Opfern und Angehörigen der Opfer", verlas Grasel in Zschäpes Namen. Sie fühle sich "moralisch schuldig".

Juristisch aber eben nicht – und das ist die entscheidende Nachricht, die Zschäpe an das Gericht senden will. Wie angekündigt nimmt sie Stellung zu allen Anklagepunkten, oftmals nur sehr knapp – aber stets mit einer Erklärung in der Hinterhand, in der zwei eiskalte Killer die zerbrechliche Zschäpe in einer Art emotionaler Geiselhaft halten.

Die Angeklagte, Tochter einer alkoholkranken Mutter aus Jena, lernt erst Uwe Mundlos kennen und lieben, dann Uwe Böhnhardt. Der eine grölt rechtsextreme Lieder, der andere hängt seinen Morgenstern an die Wand.

Zschäpe findet Gefallen an den rechten Kumpels, die in der Stadt unterwegs sind, so lässt sie ihren Anwalt berichten. Gemeinsam verüben sie "Aktionen", wie die Angeklagte es noch heute im Duktus der Szene formuliert. Sie meint das Platzieren von Bombenattrappen und den Versand von Drohbriefen – ein problemloses Geständnis, denn die Taten sind verjährt. Gefördert habe das Treiben der Thüringer Rechtsextremist Tino Brandt, ein Einpeitscher der Szene, der über reichlich Geld verfügte. Der ehemalige V-Mann ist der einzige, den Zschäpe mit den Taten in Verbindung bringt. Wer sich sonst im Umfeld tummelte – darüber schweigt sie.

Als sich Böhnhardt von ihr trennt, mietet Zschäpe eine Garage – quasi als Freundschaftsangebot an den Ex-Partner und dessen Kameraden. Darin sollen "Propagandamaterialien" gelagert werden. In Wahrheit werden – angeblich hinter Zschäpes Rücken – auch Schwarzpulver, TNT und Rohrbomben deponiert. Die Polizei bekommt Wind davon. Am 26. Januar 1998 flieht das Trio und geht in den Untergrund. "Dass es viele Jahre dauern würde, dachte ich nicht", liest Grasel vor.

Zschäpe will Angst gehabt haben, verurteilt zu werden. Sie habe aber auch Angst vor dem Liebesentzug ihrer Komplizen gehabt. Denn nachdem sie abrupt alle Kontakte in die bürgerliche Welt abbrechen musste, sind die beiden ihre einzige "Familie": "Die beiden brauchten mich nicht, ich brauchte sie." Und so hat sie jedes Mal Angst, wenn Mundlos und Böhnhardt zu einem der 15 Raubüberfälle aufbrechen, mit denen der NSU seinen Lebensunterhalt finanzierte.