Ende Februar 2015: Die Leiche Boris Nemzows auf der Brücke vor dem Kreml © Stringer/Anadolu Agency/Getty Images

ZEIT ONLINE: Frau Nemzowa, 2015 war ein schlimmes Jahr für Sie.

Zhanna Nemzowa: Ich habe das schwierigste und tragischste Jahr meines Lebens hinter mir.

ZEIT ONLINE: Was war die größte Veränderung in Ihrem Leben?

Nemzowa: Mein Vater war vor seiner Ermordung immer meine letzte Rettung gewesen, die Stütze, auf die ich mich immer verlassen konnte. In diesem Jahr bin ich sehr viel älter geworden. Ich treffe nun alle Entscheidungen, ohne seinen Rat einzuholen.

ZEIT ONLINE: An was vom 27. Februar 2015 erinnern Sie sich?

Nemzowa: Ich war bei meiner Mutter in Moskau. Wir wollten eigentlich am nächsten Tag zusammen eine Woche nach Italien reisen. Nachdem sie abends von der Arbeit gekommen war, haben wir zusammen gegessen und sind ins Bett gegangen. Ich stelle mein Telefon nachts immer aus, anders als meine Mutter. Deshalb erfuhr sie zuerst davon. Als sie im Nebenzimmer schrie und weinte, wurde ich wach. Es sind nur drei Minuten bis zur Wohnung meines Vaters, er wohnte in der Nachbarschaft. Weil es regnete, sind wir dann mit dem Taxi zur Großen Moskwa-Brücke unweit des Kremls gefahren, wo mein Vater von hinten erschossen wurde. Noch als ich vor dem Tatort stand, konnte ich nicht glauben, dass es um meinen Vater ging.

ZEIT ONLINE: Nach der Tat hat die russische Polizei relativ schnell fünf Verdächtige aus Tschetschenien festgenommen. Glauben Sie, dass die Richtigen im Gefängnis sitzen?

Nemzowa: Wir müssen auf die Entscheidung des russischen Gerichts warten, vermutlich wird es 2016 so weit sein. Es gibt Beweise, die wohl belegen können, dass diese Tschetschenen tatsächlich den Mord begangen haben.

ZEIT ONLINE: Ist der Fall also so gut wie aufgeklärt?

Nemzowa: Ganz und gar nicht. Es gibt seit vielen Monaten eine systematische Blockade. Es soll verhindert werden, dass die Leute gefunden werden, die das Verbrechen organisiert haben.

Aber ich werde alles tun, um den Mord an meinem Vater aufzuklären. Jeder, der in seine Erschießung involviert war, muss dafür bestraft werden.

ZEIT ONLINE: Sie gehen von einem politisch motivierten Mord aus?

Nemzowa: Alles andere kann man ausschließen. Er wurde nicht wegen religiöser, privater oder sonstiger Gründe umgebracht. Das Problem bei der Aufklärung ist jedoch: Das Ermittlungsteam scheint noch nicht mal gewillt, die Hintermänner zu finden. Sie tun einfach nichts.

Meine Anwälte und ich bereiten deshalb eine Beschwerde vor, die wir dem Gericht zustellen wollen.

ZEIT ONLINE: Glauben Sie, Sie könnten Einfluss auf die russische Justiz nehmen?

Nemzowa: Es ist nicht der erste Mordfall, in dem die russische Staatsanwaltschaft die Drahtzieher eines Verbrechens nicht finden kann. Das ist in Russland fast Normalität. Auch die Auftraggeber der Morde an Anna Politkowskaja, Alexander Litwinenko und Boris Beresowski wurden nicht gefunden. Und das sind nur einige der unaufgeklärten Fälle. Mein Vater ist ein weiteres Opfer von Putins Russland.

ZEIT ONLINE: Aber zumindest sind die unmittelbaren Täter gefasst.

Nemzowa: Das ist nicht genug. Nach einer so brutalen Tat muss man ernsthafte und faire Ermittlungen erwarten können. Diese Tschetschenen haben im Auftrag gehandelt. Alle juristischen Mittel müssen genutzt werden – die der russischen Justiz und der internationalen –, um die Ermittlungen voranzutreiben. Wir haben schon am 27. August dieses Jahres einen Verfahrensantrag beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg gestellt.

ZEIT ONLINE: Das wird nicht viel ändern.

Nemzowa: Leider haben Sie recht. Obwohl Russland die Europäische Menschenrechtskonvention unterzeichnet hat und die Urteile des Gerichtshofs somit auch für Russland gelten müssten, hat Wladimir Putin vor wenigen Tagen ein Gesetz unterschrieben, wonach Urteile internationaler Gerichte in Menschenrechtsfragen für Russland faktisch nicht mehr bindend sind. Er hat damit die russische Verfassung geändert. Internationales Recht gilt nicht mehr vor russischem Recht.

ZEIT ONLINE: Haben Sie noch Hoffnung auf Aufklärung?