Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ist vom Time-Magazin als Person des Jahres 2015 ausgezeichnet worden. Die 61-Jährige habe sich den Titel durch ihre Reaktion auf die Griechenlandkrise, die Flüchtlingskrise und die Bedrohung durch die Dschihadistengruppe "Islamischer Staat" verdient, schrieb das New Yorker Journal zur Begründung. Das Magazin erklärte Merkel zur "Kanzlerin der freien Welt".

"Man kann ihr zustimmen oder auch nicht. Aber sie geht nicht den einfachen Weg", schrieb Chefredakteurin Nancy Gibbs. "Dafür, dass sie ihrem Land mehr abverlangt hat, als es die meisten Politiker wagen würden, für ihren Einsatz gegen Tyrannei und Opportunismus und für ihre standhafte moralische Führung in einer Welt, in der es an einer solchen mangelt, kürt Time Angela Merkel zur Persönlichkeit des Jahres." Wann immer Europa in diesem Jahr von einer Krise erschüttert worden sei, habe Merkel eingegriffen.

"Bei Merkel schwang ein anderer Wertekanon – Menschlichkeit, Güte, Toleranz – mit, um zu zeigen, wie die große Stärke Deutschlands zum Retten statt zum Zerstören genutzt werden kann. Es ist selten, einem Anführer bei dem Prozess zuzusehen, eine alte und quälende nationale Identität abzulegen."

Regierungssprecher Steffen Seibert sagte zu der Auszeichnung, er sei "sicher, die Bundeskanzlerin empfindet das als Ansporn für ihre politische Arbeit für eine gute Zukunft für Deutschland wie auch für Europa".

Auf Platz zwei der Rangliste folgt der selbst ernannte Kalif der Terrororganisation IS, Abu Bakr al-Baghdadi, dahinter der US-Präsidentschaftskandidat Donald Trump. Auf Platz vier landete die US-Bürgerrechtskampagne Black Lives Matter ("Schwarze Leben zählen"). Darauf folgen der iranische Präsident Hassan Ruhani und Uber-Gründer Travis Kalanick.

Die Time-Redaktion würdigt seit 1927 die einflussreichsten Persönlichkeiten des Weltgeschehens, der Titel ist keine moralische Wertung. Vergangenes Jahr wurden die Mediziner im Kampf gegen Ebola und 2013 Papst Franziskus zu Persönlichkeiten des Jahres erklärt. Merkel ist seit 29 Jahren die erste Frau, die mit dem Titel gekürt wird und die vierte überhaupt. 

Vor ihr haben insgesamt drei Deutsche den Titel erhalten. 1938 wurde Adolf Hitler "Mann des Jahres", weil er Deutschland gleichgeschaltet und Europa verändert hatte. 1953 erhielt Konrad Adenauer den Titel, weil er als Kanzler Deutschland in den Kreis der Nationen zurückgeführt hatte. SPD-Bundeskanzler Willy Brandt wurde 1970 für die Aussöhnung mit den osteuropäischen Ländern gewürdigt.