Straßenszene in Diyarbakır © Murat Bayram

Die Luft in den Straßen Diyarbakırs war selten so voll vom Geruch von Feuerwerkskörpern und Freude wie in dieser einen Nacht. Alte lachten immer wieder ungläubig, Junge hingen aus den heruntergekurbelten Autofenstern. Die Menschen kauften massenhaft Eis, Gebäck und Fähnchen in Parteifarben und alle redeten sich zu, dass eine neue Zeit begänne, genau jetzt. Der Triumph und der Frieden schienen so greifbar, dass fast alle ihren eigenen Worten glaubten, die spätestens jetzt so absurd klingen. Ja, das Leben im kurdischen Osten der Türkei hat sich geändert seit den Parlamentswahlen im Juni, vor allem auch seit den für die Kurden frustrierenden Neuwahlen vom 1. November. Jetzt, im Dezember, kauft niemand mehr nachts Gebäck auf der Straße, niemand wagt, die Fensterscheiben herunterzukurbeln und laut zu hupen. "Nach sechs Uhr trauen wir uns alle nicht mehr auf die Straße", sagt Gülay, eine Kurdin Mitte dreißig, die seit Jahrzehnten in Diyarbakır lebt.

Bis vor drei Monaten hat sie sich abends gerne mit ihren Schwestern und Freundinnen im beliebten Café Hasan Paşa getroffen, um Kaffee oder Tee zu trinken. Doch der komplette Altstadtkern Diyarbakırs, Sur, ist seit Wochen abgeriegelt und unter Beschuss. Panzer rollen durch die Stadt, die Anzahl der ratternden Militärhubschrauber über den Dächern hat sich vervielfacht und die Angst vor dem Staat ist wieder da. Um die 10.000 Menschen mussten nach Angaben des Menschenrechtsvereins (IHD) ihr Zuhause verlassen.

Nicht nur im größtenteils evakuierten Stadtteil Sur, in dem sich bewaffnete kurdische Jugendbanden und die türkischen Militärs Straßenschlachten liefern, sondern auch im Rest der Stadt ist der Kampf spürbar. Gülay lebt mit ihren Eltern und Geschwistern in einem eher gesetzten Wohngebiet etwas außerhalb des Stadtzentrums. "Wir hören jede Nacht die Schüsse und Explosionen", sagt sie am Telefon. "Meine Mutter weint, sie zittert jedes Mal." Die Familie zog von der kleineren Stadt Lice nach Diyarbakır, nachdem Soldaten in den neunziger Jahren ihr Haus bombardiert und das Dorf angezündet hatten.

Auch die Bewohner im Stadtteil Sur sind größtenteils innerstaatliche Kriegsflüchtlinge, die in den Neunzigern aus den brennenden Dörfern in die Städte flohen. Die YDG-H, die Jugendorganisation der PKK, die sich angeblich nicht an die offiziellen Vorgaben der Mutterorganisation hält, speist sich zu einem großen Teil aus der zweiten Generation jener Vertriebenen, die zwischen Armut und Trauma aufwuchsen. Es sind diejenigen, die in den Städten gegen die türkische Polizei und das Militär kämpfen, während die klassischen PKK-Guerillas meist in den Bergen bleiben.

Am meisten leiden natürlich die Bewohner Surs unter der Ausgangssperre. Bereits vor der jüngsten Ausgangssperre sollen laut Informationen der Menschenrechtsstiftung der Türkei, Türkiye İnsan Hakları Vakfı (TİHV), in Sur fast 1.000 Häuser beschädigt oder zerstört worden sein. Die Menschen, die nirgendwohin gehen konnten oder wollten, berichten davon, die meiste Zeit in ihren Badezimmern oder einem hinteren Winkel der Wohnung auszuharren, um nicht von Gewehrsalven getroffen zu werden. Die Telefon- und Internetverbindung ist in diesem Bereich weitestgehend gekappt, die Menschen klagen über Wasser- und Nahrungsmangel. Noch dramatischer sind die Zustände in Städten wie Cizre und Silopi in der Region Şırnak an der irakischen Grenze: Dort wurden Ausgangssperren über ganze Städte verhängt, die Lehrer der Stadt mussten das Gebiet verlassen, weil sie als Angestellte des Staates unter dessen Schutz stehen. Spezialeinheiten fahren in dem PKK-Gebiet mit Panzern auf und beschießen die Häuser, während die Menschen ohne Strom in ihren Wohnungen bleiben müssen. Essen und Wasser werden knapp.

Die PKK und ihre Jugendorganisation provozieren gewaltig

Seit Monaten lässt sich eine Art systematische Retraumatisierung der kurdischen Bevölkerung beobachten. Gerade jene Gruppen, die in den Neunzigern schlimmste Repressalien wie Folter und Vertreibung erlitten, sind jetzt wieder am stärksten betroffen. Die PKK und vor allem ihre Jugendorganisation provozieren gewaltig, indem sie immer wieder türkische Polizisten erschießen und diese Morde meist als Rache an deren Operationen oder ihrer vermeintlichen Mitverantwortung an den brutalen Bombenanschlägen von Suruç und Ankara deklarieren. Und das Militär mordet zurück. Seit dem vergangenen Mittwoch starben in einer Militäroffensive gegen die PKK über 100 Menschen. 

Wie viele Zivilisten unter den vielen Hundert Toten seit Juli sind, lässt sich schwer nachvollziehen. Die PKK rundet großzügig nach oben auf, während der Staat jene Toten als Kollateralschaden inszeniert, an dem die PKK schuld sei. Sie benutze Zivilisten als menschliche Schutzschilder. Anfang vergangener Woche wurden in Diyarbakır zwei kurdische Jugendliche erschossen. Laut Anwohnern hätten sie Steine geworfen, die offizielle türkische Medienmeinung besagt, sie seien bewaffnet gewesen. Auch der prokurdische Menschenrechtsaktivist und Anwalt Tahir Elçi wurde am 28. November unter mysteriösen Umständen auf einer Pressekonferenz durch einen Genickschuss getötet. Er hatte im Oktober im Fernsehen argumentiert, die PKK sei keine Terrororganisation. Seine Ermordung traf die kurdische Bevölkerung ins Mark, viele standen unter Schock.

Keiner der Menschen aus Diyarbakır, die über diesen Urknall-Krieg in ihrer Stadt erzählen, können sich seinen Hergang wirklich erklären. Gewiss, die prokurdische Demokratische Volkspartei (HDP) schaffte es am 7. Juni über die Zehnprozenthürde und zog ins Parlament ein. Die regierende Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung (AKP) verlor die absolute Mehrheit. Jedoch sitzen Vertreter genau dieser beiden Parteien seit Jahren gemeinsam am Verhandlungstisch, um den türkisch-kurdischen "Lösungsprozess" voranzutreiben. Ziele waren zum Beispiel der Abzug kurdischer Guerillas aus den kurdischen Gebieten der Türkei und im Gegenzug mehr Rechte für die Bevölkerung, wie etwa die offizielle Erlaubnis, Kurdisch zu sprechen und auch die vorher verbotenen Buchstaben x, q und w zu schreiben.

Ein Ton wie in der türkischen Republik der dreißiger Jahre

"Am unverständlichsten ist mir der plötzliche Gesinnungswandel der Regierung", sagt eine türkische Dozentin, die in einer kurdischen Stadt an einer renommierten Universität zu Philosophie und Sozialanthropologie lehrt und forscht. Sie lebt in Diyarbakır, möchte ihren Namen aber nicht veröffentlicht wissen, da ihre Fakultät seit Monaten unter staatlichem Druck steht, weil sie als zu liberal gilt. Sie hatten zuvor eine Union gegründet, die sich für eine unabhängige Wissenschaft aussprach. "Bis zum Sommer benahmen sich die AKP-Politiker wie Demokraten aus dem 17. Jahrhundert: Sie sprachen über Toleranz gegenüber Gruppen wie Christen, Kurden und Aleviten. Jetzt auf einmal herrscht hier ein Ton wie in der türkischen Republik der dreißiger Jahre."

Sie spielt auf die Schriftzüge an, mit denen das Militär die beschossenen Hauswände in Sur beschmierte. "Wir sind zurück", steht da beispielsweise. Oder: "Ihr werdet die Kraft des Staates kennenlernen." In einem Stadtteil, dessen Bewohner die "Kraft des Staates" nur zu gut kennen, haben diese Slogans ein massives Einschüchterungs-, aber auch Provokationspotenzial. "Diyarbakır hat sich so sehr verändert", sagt die Wissenschaftlerin. Auch in ihre Wohnung dringt regelmäßig das ruckartige Rattern der Maschinengewehre und beißende Wolken des Reizgases, das aus den riesigen weißen Lastwagen der Polizei schießt. "Ich habe auch das Gefühl, dass die Menschen sich untereinander misstrauen. Sie sind wahnsinnig angespannt. Und das geschieht nicht nur hier in Diyarbakır, sondern in ganz Kurdistan." Sie zählt die verschiedenen Städte auf: Nusaybin, Silvan, Cizre, Lice und neuerdings auch Hakkâri.