In der türkischen Stadt Izmir werden in Läden Rettungswesten für die Flüchtlinge angeboten. © Chris McGrath/Getty Images

Menschen bummeln und shoppen auf der Basmane-Straße. Doch das hier ist keine normale Einkaufsstraße. Das wird spätestens dann klar, wenn man die orangefarbenen Rettungswesten in den Auslagen sieht. Im Altstadtviertel von Izmir, der drittgrößten Stadt in der Türkei, stehen viele syrische Frauen am Straßenrand. Sie verkaufen Taschentücher, viele von ihnen halten ein Kind auf dem Arm. Immer wieder dringen Gespräche auf Arabisch herüber. Spätestens am Ende der Straße angekommen weiß man: Das ist kein gewöhnlicher Ort zum Einkaufen. Vor dem Restaurant Sindibad treffen sich die Schlepper. Sie treffen hier auf die Menschen, die nach Europa wollen und machen ihnen Angebote.

Ein Geschäftsmann aus Aleppo, Ahmad Abdulmajeed, lebt seit drei Monaten in Izmir. Er versucht seine Ware loszuwerden. "80 Prozent der Syrer hier wollen nach Europa. Die werden alle in wenigen Stunden auf Schlauchbooten sitzen." Ahmad will in der Türkei bleiben, er kann sich nicht vorstellen, seine letzten Ersparnisse auszugeben und das Leben seiner Kinder zu gefährden. Doch er ist einer von wenigen. Die allermeisten wollen weg.

Vollbepackt mit Rucksäcken und dicken Jacken eilt eine Familie mit großen schwarzen Plastiksäcken in der Hand vorüber. Dieser Anblick schmerze ihn, sagt Ahmad, der die Bedürfnisse dieser Kundschaft erkannt hat und Handyhüllen für die Überfahrt verkauft. "Sie tragen ihre Schwimmwesten so, als wären es ihre Leichentücher." Erst kürzlich traf Ahmad eine Familie, die noch unter Schock stand. Ein Schlepper hätte von ihnen 1.200 Euro abkassiert, ihnen versprochen sie nach Griechenland zu bringen. Doch er habe sie einfach stehenlassen. "Falsche Versprechen und Betrug: Das ist Alltag in Izmir."


Als arabisch aussehende Frau, die den Eindruck erweckt hier fremd zu sein, werde ich ebenso angesprochen: "Brauchst du etwas? Heute kostet die Fahrt nur 850 Euro." Es stellt sich ein zweiter Mann dazu. Beide um die dreißig, in dunklen Pullover, Jacke, Jeans. Nach einem "Nein, danke!" möchten sie immer noch nicht aufgeben.

Klar ist: Eine Sicherheit für die Überfahrt können sie nicht gewähren. Täglich legen hier zehn bis fünfzehn Boote ab. Ein profitables Geschäft, das durch eine große Kundschaft boomt. Die großen Männer dahinter, würde man nie zu Gesicht bekommen, sagt Ahmad. Die wären einige wenige Türken, die Dutzende Leute beschäftigten. Izmir ist längst Drehscheibe für den Handel mit Flüchtlingen geworden. Der illegale Handel mit Menschen boomt.

Lesbos, das Tor zu einem neuen Leben

Während Touristen für 20 Euro bequem mit der fast leeren Fähre von Ayvalik nach Mytilini, der Hauptstadt der Insel Lesbos, fahren, müssen die Flüchtlinge mit einem Schlauchboot über die unsichtbare Grenze nach Europa. So wie die achtjährige Haya und ihre Familie. Sie sind aus Syrien geflohen und haben fast ein Jahr in der Türkei gelebt, bis sie den menschenunwürdigen Bedingungen, wie sie sagen, entkommen wollten.

Jetzt sitzen sie in der Sonne an der Hafenpromenade. Auf der Bank hinter ihnen: ein rosa Rucksack und zwei Plastiksäcke. Das ist alles, was sie besitzen. Haya malt in einem Buch ein Haus mit einem Garten aus, während ihre Mutter von der Überfahrt spricht: "Die Wellen waren sehr hoch. Und als wir mitten auf dem Meer waren, setzte der Motor aus." Doch sie hatten Glück und konnten unbeschadet das Festland erreichen.

Eigentlich hat die Europäische Union der Türkei drei Milliarden Euro versprochen, damit sie die Flüchtlinge besser versorgt und die Küsten besser bewacht. Ein Aktionsplan wurde beschlossen, mit dem Ziel, den Zustrom der Flüchtlinge nach Europa zu begrenzen. Doch von diesem Vorhaben ist hier noch nicht viel zu sehen. Zwar hat die Türkei die Kontrollen an der Küste verschärft. Doch führt das nur dazu, dass die Überfahrten nun in der Nacht stattfinden. Überfüllte Schlauchboote und gesunkene Temperaturen führen gerade wieder zu einem Anstieg der Todesopfer. Mindestens 30 Menschen sind allein im Dezember bei nächtlichen Schiffsunglücken gestorben. 

"Die Polizei war bestimmt involviert, die Schlepper schmieren doch die Beamten", sagt Hayas Mutter. Im Lager lernten sie eine deutsche Helferin kennen. Ihre Hilfsbereitschaft war der Grund für die Entscheidung der Familie, nach Deutschland zu gehen. "Ich hoffe, niemand macht jetzt die Grenzen dicht, denn es gibt sonst keinen Ausweg für uns."