Marine Le Pen © Philippe Huguen/AFP/Getty Images

Marine Le Pen hat einen interessanten Satz gesagt am Sonntagabend, bald nach der Bekanntgabe der Ergebnisse der ersten Runde der französischen Regionalwahlen: "Die nationale Bewegung ist nunmehr stärkste Partei in Frankreich", jubelte die Vorsitzende des rechtspopulistischen Front National (FN). Bemerkenswert war nicht so sehr der Verweis auf den Stimmenanteil von landesweit knapp 28 Prozent. Das war bereits erwartet beziehungsweise befürchtet worden. Bedeutsam ist vielmehr, dass Le Pen ihre Partei nicht beim Namen Front National nannte, sondern sie zu einer Sammlungsbewegung erklärte, die als Einzige die nationalen Interessen der Franzosen verteidige.

Genau diesem Gefühl verdankt der Front National seit Jahren seinen Aufstieg. Das Trauma der Terroranschläge vom 13. November hat die scheinbare Attraktivität des FN, der sich für einen Einwanderungsstopp ausspricht, die Ausweisung radikaler Muslime und die Schließung der Grenzen fordert, nur verstärkt. Tatsächlich aber erliegen die FN-Wähler in immer größerer Zahl dem Versprechen, dass Wohlstand und Sicherheit sich wiedergewinnen lassen, wenn man die Uhr nur weit genug ins vergangene Jahrhundert zurückdreht.

Damals, in den französischen Wirtschaftswunderjahren der Trente Glorieuses (die 30 glorreichen Jahre) gefährdete die Globalisierung noch keine französischen Arbeitsplätze; man konnte eine Landeswährung einfach abwerten, um die Wettbewerbsfähigkeit der eigenen Wirtschaft zu erhöhen; Brüssel mahnte noch nicht die Einhaltung von Defizitlimits an; Großunternehmen waren noch staatlich; und Einreisende wurden an den Grenzen kontrolliert.

"Es handelt sich tatsächlich um eine Wahl der Nostalgie", sagt Jean-Yves Camus, Politologe am Institut für internationale und strategische Beziehungen (Iris) in Paris und Autor zahlreicher Bücher über rechtsextreme Parteien in Europa. "Der FN erzählt uns, dass man viele Dinge nur rückgängig zu machen brauche, und dann wird alles gut."

Einfache Lösungen verfangen sich leicht

Man mag bis zu einem gewissen Grad Verständnis aufbringen, wenn zum Beispiel in der strukturschwachen Region Nord-Pas-de-Calais-Picardie viele Wähler den verführerischen Flötentönen der FN-Rattenfänger folgen. Die Arbeitslosigkeit liegt hier mit 12,5 Prozent noch über dem landesweit bereits hohen Durchschnitt. Marine Le Pen hat hier 41 Prozent der Stimmen eingesammelt, genauso wie ihre Nichte Marion Maréchal-Le Pen mit ihrem dezidiert fremdenfeindlichen Wahlkampf an der Côte d'Azur.

Kurzsichtig ist es trotzdem. "Wie kann man die Schließung der Grenzen predigen, wenn unsere Wirtschaft in dieser Grenzregion doch eingebettet ist in die Weltwirtschaft? Einer von vier Arbeitnehmern ist hier in einem ausländischen Unternehmen beschäftigt", ereifert sich Bruno Bonduelle, pensionierter Ex-Chef des gleichnamigen Familienunternehmens, das seit 1926 in der Region Dosengemüse produziert.

Aber es sind eben häufig die vermeintlich einfachen Lösungen, die sich bei den Wählern verfangen. Eine Entwicklung, für die laut Sylvain Crépon auch die Traditionsparteien eine Mitverantwortung tragen. "Die Reden der Sozialisten und der Republikaner sind komplex und abgehoben", sagt der Soziologe von der Universität in Tours. "Was die Kandidaten des FN erzählen, ist dagegen verständlich für die Wählerschaft. Deshalb haben sie so großen Erfolg bei jenem Teil der Bevölkerung, der nur eine geringe Schulbildung hat."

Intellektuelle an der Seite von Le Pen

Da reicht es, wenn Marine Le Pen wie am Morgen nach der Wahl ankündigt, unter ihrer Führung werde künftig kein einziger Euro mehr für Mückennetze ausgegeben, um Malaria in senegalesischen Gefängnissen zu bekämpfen. Das Beispiel ist charakteristisch für Madame: Frankreichs brave Bürger zahlen für Kriminelle, lautet ihre Botschaft. Generell werde die Region Nord-Pas-de-Calais die Entwicklungszusammenarbeit aufkündigen, weil das eingesparte Geld besser der Förderung der heimischen Wirtschaft diene. Die Entwicklungshilfe beträgt 6 Millionen Euro in einem Budget von insgesamt 1,7 Milliarden Euro. Aber wer rechnet das schon nach?   

Allerdings haben auch einige namhafte französische Intellektuelle Marine Le Pen dabei geholfen, den Front National aus der einstigen Schmäh-Ecke der antisemitischen Rassistenpartei zu holen und gesellschaftsfähig zu machen. Der Ökonom Jacques Sapir zum Beispiel. Sapir steht politisch eigentlich der französischen Linksfront nahe. Weil die sich aber ebenso wie Marine Le Pen gegen Euro und EU starkmacht, forderte Sapir vor einigen Monaten eine parteiübergreifende Union unter Einschluss des FN. Unterstützung erhielt er unter anderem von dem Philosophen Michel Onfray. Marine Le Pen sei die einzige Politikerin, die derzeit Volkes Stimme spreche, sagte der. "Wenn die Intellektuellen jetzt für uns Wahlkampf machen, können wir uns das bald sparen", freute sich ein Berater der FN-Chefin.

Hollande mit Forderungen des FN

Angesichts des FN-Erfolgs kannten Sozialisten und Republikaner vor allem in den vergangenen Wochen oft keine andere Strategie, als ebenfalls die Feindbilder der Rechtspopulisten zu bedienen. Christian Estrosi beispielsweise, republikanischer Bürgermeister von Nizza, der gegen Marion Maréchal-Le Pen um die Regionalpräsidentschaft in der südfranzösischen Region Provence-Alpes-Côte d'Azur kämpft, warnte vor einem "Islamofaschismus", der einen "dritten Weltkrieg" gegen die christlich-jüdische Zivilisation plane. Nach den Terroranschlägen in Paris kündigte der sozialistische Staatschef François Hollande an, radikalen Muslimen mit doppelter Staatsbürgerschaft solle der französische Pass entzogen werden. "Eine Forderung, die der FN schon lange stellt", freute sich Le Pen.  

Bei der Regionalwahl stimmten viele Wähler dann aber doch für das Original. In sechs von insgesamt 13 Regionen gewannen FN-Kandidaten die erste Runde. Die Hälfte der Wahlberechtigten blieb den Urnen ganz fern. Die Entscheidung fällt nächsten Sonntag.