Im Hause Le Pen herrscht unverhohlene Vorfreude. "Vor einigen Monaten habe ich Ihnen gesagt, dass wir vier oder fünf Regionen gewinnen könnten", sagte Marine Le Pen vor Kurzem. "Jetzt ist es soweit." Sicher ist: Wenn die von den Anschlägen vom 13. November noch traumatisierten Franzosen am Sonntag wählen gehen, dann könnten sie Le Pens Front National (FN) zu einem historischen Sieg verhelfen.

Einer aktuellen Umfrage zufolge könnten die Rechtspopulisten mit 30 Prozent der Stimmen stärkste Kraft werden – und das beste Ergebnis ihrer Geschichte bei einer landesweiten Wahl einfahren. Wie viele der künftig 13 französischen Regionen der Front National wirklich gewinnt, wird erst in der zweiten Wahlrunde eine Woche später entschieden.

In mindestens zwei Regionen gilt der FN als Favorit

Als Spitzenkandidatin könnte Parteichefin Marine Le Pen die nordfranzösische Region Nord-Pas-de-Calais-Picardie erobern, während Le Pens erst 25-jährige Nichte Marion Maréchal-Le Pen in der südfranzösischen Region Provence-Alpes-Côte d'Azur gute Chancen hat. Und auch in anderen Regionen haben die Rechtsextremen zuletzt aufgeholt und könnten einen Überraschungssieg verbuchen. Nicht zuletzt hängt das mit den Attentaten vom 13. November zusammen, bei denen islamistische Angreifer in Paris 130 Menschen töteten. In Umfragen konnte der Front National seitdem zulegen.

"Die Partei, die von diesen Ereignissen profitiert, ist wirklich der FN, und zwar nach dem Motto 'Wir hatten es euch doch gesagt'", sagt Jean-François Doridot vom Meinungsforschungsinstitut Ipsos. Parteichefin Le Pen, die muslimische Straßengebete einst mit der NS-Besatzung während des Zweiten Weltkriegs verglich, sieht sich in ihrem nationalistischen und einwanderungsfeindlichen Kurs bestärkt – vor allem seitdem klar zu sein scheint, dass mindestens zwei der Attentäter sich als Flüchtlinge ausgaben, um nach Europa zu gelangen.

"Alle haben sich über unsere Verbundenheit zu Grenzen lustig gemacht", sagte die 46-jährige Tochter von Parteigründer Jean-Marie Le Pen kürzlich vor Anhängern. "Wir sind standhaft geblieben und wir haben recht behalten."

Hollandes Sozialisten erwarten Niederlage

Die Sozialisten von Staatschef François Hollande dürften dagegen bei den Regionalwahlen erneut eine schwere Schlappe erleiden. Zwar stiegen die Beliebtheitswerte des Präsidenten nach den Anschlägen sprunghaft an; auf die Regionalwahlen dürfte sich das aber kaum auswirken. Umfragen sagen den Sozialisten magere 22 Prozent voraus. Die Partei, die bislang fast alle Regionalpräsidenten stellte, dürfte eine Reihe von Regionen an den FN oder an das konservativ-bürgerliche Lager von Ex-Staatschef Nicolas Sarkozy verlieren.

Die Sozialisten müssen mit aller Kraft Wähler mobilisieren. Auch deswegen hat Premierminister Manuel Valls diese Woche wieder auf Angriffsmodus gegen den Front National geschaltet. Die Rechtsextremen würden die Franzosen "täuschen" und "Frankreich nicht mögen", sagte der Regierungschef. Es müssten möglichst viele Franzosen zur Wahl gehen, um einen Sieg des FN zu verhindern.

Le Pen nahm das wiederum zum Anlass für Attacken gegen den Premier: Valls führe einen "Krieg" gegen ihre Partei, sagte sie bei einer Wahlkampfveranstaltung. Und schob keine drei Wochen nach den Anschlägen von Paris, zu denen sich die Dschihadistenmiliz "Islamischer Staat" (IS) bekannt hat, hinterher: Es sei "bedauerlich, dass Manuel Valls nicht die gleiche Energie für den Kampf gegen den IS aufwendet, wie für den Kampf gegen die Patrioten des FN".

Die Wortgefechte zeigen, welche Bedeutung die Regionalwahlen für alle Parteien haben. Denn es ist die letzte große Wahl vor den Präsidentschaftswahlen im Frühjahr 2017, ein Sieg hat einen hohen symbolischen Stellenwert. Marine Le Pen will jetzt Regionalpräsidentin im Norden des Landes werden. Ihr wahres Ziel aber ist ein Einzug in den Elysée-Palast.