Zum ersten Mal in der Geschichte Saudi-Arabiens dürfen Frauen an Wahlen teilnehmen. Am Morgen begann in dem islamisch-konservativen Königreich die Abstimmung über die Zusammensetzung der Gemeinderäte im Land. Unter den mehr als 6.900 Kandidaten sind nach offiziellen Angaben rund 980 Frauen. Etwa 1,5 Millionen Saudis haben sich als Wähler registrieren lassen, darunter 130.000 Frauen. Wegen der strengen Trennung der Geschlechter müssen Frauen und Männer in unterschiedlichen Wahllokalen abstimmen.

Die Gemeinderäte sind die einzige politische Vertretung in dem Königreich, die die Bürger in Wahlen zu zwei Dritteln selbst bestimmen können. Das letzte Drittel ernennt die Regierung. Saudische Männer konnten sie in den vergangenen Jahrzehnten nur drei Mal wählen. Die Räte sind vor allem für Dinge wie Straßenbau, öffentliche Anlagen und Müllabfuhren zuständig.

"Nun haben Frauen eine Stimme", sagte die Wählerin Awatef Marsuk in der Hauptstadt Riad. "Ich habe geweint. Es ist etwas, das wir sonst nur im Fernsehen in anderen Ländern gesehen haben." Allerdings sagte Marsuk, sie habe einen Mann gewählt. Der habe gute Ideen für Kindergärten gehabt. Viele der verschleierten Frauen wurden von ihren Ehemännern, Vätern oder Brüdern zu den Wahllokalen gefahren, da sie nicht selber Autofahren dürfen.

Mohammed al-Schammari, der seine Tochter mit dem Auto brachte, sagte, er habe sie ermutigt zu wählen. "Wir wollen diese Barriere durchbrechen", sagte al-Schammari. "Solange sie ihren eigenen Platz kennt und es keine Durchmischung mit Männern gibt, warum sie vom Wählen abhalten? Wir unterstützen alles, das nicht gegen die Scharia verstößt", sagte er mit Bezug auf die islamische Rechtsordnung.

Wegen der strengen Geschlechtertrennung durften Kandidatinnen im Wahlkampf nur Frauen treffen. Viele setzten daher auf Werbung im Internet. Zudem war Frauen die Registrierung für die Wahl dadurch erschwert, dass sie selbst nicht Auto fahren dürfen. Wegen der Einschränkungen gilt es als unwahrscheinlich, dass eine Frau tatsächlich einen Sitz in einem der Gemeinderäte erhält. Die Kandidatin Amal Badreldin al-Sawari sagte: "Um Ihnen die Wahrheit zu sagen, ich trete nicht an, um zu gewinnen. Ich denke, ich gewinne, indem ich antrete."

Trotzdem werden Frauen weiterhin diskriminiert

Menschenrechtler begrüßten die Abstimmung als Fortschritt für die Frauenrechte. In den vergangenen Jahren hatten Frauen zudem Freiheiten im Bereich der Bildung und im Berufsleben bekommen. "Saudi-Arabien hat erkannt, dass es sich in Sachen Frauenrechte weiterentwickeln muss", erklärte Adam Coogle von Human Rights Watch.

Die Aktivisten kritisierten zugleich jedoch, dass es weiterhin Diskriminierung gegen Frauen gebe. Ohne die Genehmigung eines männlichen Vormundes dürfen diese etwa nicht reisen oder heiraten. In der Öffentlichkeit treten sie fast nur verschleiert auf.

Zudem kritisierten radikale Theologen das Frauenwahlrecht, das König Abdullah auf den Weg gebracht und der derzeitige König Salman trotz Protesten unverändert gelassen hatte. Laut der Frankfurter Allgemeinen Zeitung habe sich Scheich Abdurrahman bin Nasir al-Barrak zur heutigen Wahl geäußert. In einer Fatwa habe er verboten, Kandidatinnen zu Wahlen zuzulassen, diese zu wählen und danach Frauen in ein öffentliches Amt zu berufen. Der Scheich habe bereits 2010 allen mit dem Tod gedroht, die die Gleichberechtigung der Geschlechter befürworten.