ZEIT ONLINE: Herr Abdel-Samad, in den letzten Wochen gab es neue Mordaufrufe gegen Sie. Von wem?

Hamed Abdel-Samad: Das darf ich nicht sagen, weil das BKA ermittelt. Aber diesmal ist die Gefahr viel näher und viel konkreter als beim letzten Mal. Nach der Veröffentlichung meines neuen Buches über Mohammed bekam ich eine erhöhte Gefährdungsstufe. Das bedeutet, dass ich zum Beispiel nicht mehr durch die Sicherheitskontrollen am Flughafen gehe, sondern direkt in einer gepanzerten Limousine bis zum Flugzeug gefahren werde. Auch im Flugzeug sitzen Beamte neben mir. Auf der Buchmesse bin ich nur mit einer schusssicheren Weste aufgetreten.

ZEIT ONLINE: Sie warnen seit Langem vor islamistischen Terroranschlägen in Europa. Haben die Anschläge in Paris im November Sie nicht doch etwas überrascht?

Abdel-Samad: Nein. Seitdem sich europäische Staaten stärker militärisch gegen den IS engagieren, war es nur eine Frage der Zeit, bis der IS zurückschlägt. Der islamische Fundamentalismus wächst und gedeiht seit Jahren auch in Europa, so als hätten wir nichts gelernt aus dem 11. September: Europa ließ den politischen Islam Strukturen aufbauen und dachte, damit fördern wir Toleranz. Ich bin sehr traurig über diesen vorhersehbaren Terror. 

Aber ich verstehe auch nicht, wie europäische Dschihadisten nach Syrien gehen und zurückkommen können, und der Rechtsstaat greift nicht ein.

ZEIT ONLINE: Haben wir dafür keine hinreichenden Gesetze?

Abdel-Samad: Doch. Ich bin der Meinung, die haben wir. Nach Syrien zu reisen, um beim IS anzuheuern, das ist Teilnahme an einem fremden Wehrdienst und die Teilnahme an einer Terrororganisation. Allein diese beiden Tatsachen reichen aus, um jemanden sofort zu verhaften – egal, ob er getötet hat oder nicht. Leider haben wir weder in Deutschland noch in Frankreich die Sicherheitskapazitäten, um alle Gefährder rund um die Uhr zu bewachen. Es müssen mehrere Personen in Schichten arbeiten, um einen einzigen Islamisten ständig zu überwachen. Natürlich wäre es eine leichtere Sache, sie in Polizeigewahrsam zu nehmen und wegen Volksverhetzung, wegen Hasspredigten zu verklagen. Aber Europa lässt – und das ist seine Schwäche – auch Menschen von den Vorzügen des Rechtsstaates profitieren, die diesen vernichten wollen.

ZEIT ONLINE: Toleranz ist eigentlich eine Stärke, denn sie setzt ein kritisches Verhältnis zu sich selbst voraus. Wann wird sie zur Schwäche?

Abdel-Samad:  Seit dem 11. September sagen wir, wir müssen unsere Werte verteidigen. Aber wie? 2001 war der internationale Terrorismus relativ überschaubar, ein paar Tausend Kämpfer, die sich auf dem Hindukusch verschanzt hatten. Heute haben wir es zu tun mit richtigen Terrorarmeen, die die Welt in Angst versetzen. Der Westen hat falsche Kriege geführt, und zugleich hat er das Problem unterschätzt. Gerade friedfertige Muslime, die die wachsende Gefahr des militanten Islamismus vor der Haustür, ja im eigenen Haus erlebt haben, redeten diese Gefahr schön. Immer war der Westen an allem schuld.

ZEIT ONLINE: Er trägt ja auch große Schuld, denn er hat durch unsinnige Militäroperationen Terror geschürt. Was ist denn Ihrer Meinung nach nun genau nicht die Schuld des Westens?

Abdel-Samad: Dass auch liberale Muslime sich oft nur in der Opferrolle sehen. Sie haben zwar recht, dass der Westen unglaublich viele Fehler in der arabischen Welt gemacht hat, und dass der Irakkrieg als Brandbeschleuniger des Terrorismus wirkte – aber er war nicht das ursprüngliche Feuer. Das Feuer des Islamismus war immer da, weil es seit Anbeginn des Islams eine Ideologie der Gewalt gibt. Bis heute soll die Gewalt den muslimischen Minderwertigkeitskomplex durch Allmachtsfantasien kompensieren.

ZEIT ONLINE: Welche Allmachtsfantasien?

Abdel-Samad: Der Islam unterteilt bis heute die Welt in Gläubige und Ungläubige. Er legitimiert Gewalt gegen Ungläubige nicht nur, sondern fordert und fördert sie. Unsere Religion zählt immer noch viel zu viele Gläubige, die von der absoluten Wahrheit der heiligen Texte überzeugt sind. Das ist unaufgeklärt. Und trotzdem behauptet die Bundeskanzlerin, diese Religion sei ein Teil des aufgeklärten Deutschlands.

ZEIT ONLINE: Vielleicht meint sie einfach all die Muslime hierzulande, die keinen Fundamentalismus und erst recht keinen Terror wollen.

Abdel-Samad: Das mag sein, aber eine scharfe Fundamentalismuskritik findet kaum statt. Politik und Medien haben Angst, Muslime vor den Kopf zu stoßen oder sie zum Ziel rechten Hasses zu machen, also reden sie das Problem klein. Nach dem Motto: Das hat mit dem Islam nichts zu tun, das sind nur soziale oder geopolitische Probleme. – Falsch!

ZEIT ONLINE: Natürlich gibt es benachteiligte junge Muslime in den Banlieues um Paris, Marseille und Toulouse.

Abdel-Samad: Aber die gleichen Banlieues haben auch marginalisierte christliche Afrikaner, und trotzdem enthaupten sie niemanden. In London gibt es nicht nur benachteiligte Muslime, sondern auch benachteiligte Hindus, in den gleichen Vierteln. Jagen die Busse oder Konzerthallen in die Luft? Es stimmt ja: Die USA haben überall in der Welt Unheil gestiftet; in Vietnam, in Nicaragua, in Chile, in Korea. Aber trotzdem gibt es dort keinen Vergeltungsterror gegen US-Ziele. Warum? Weil die Kränkung bei Muslimen auch eine kulturelle Komponente hat.