ZEIT ONLINE: Bitte erklären Sie das!

Abdel-Samad: Fromme Muslime sehen sich mit einem heiligen Auftrag ausgestattet: Gott hat zuletzt, nach den Juden und nach den Christen, zu uns gesprochen und uns aufgefordert, die Welt zu beherrschen. – Nun aber sind wir eine machtlose Minderheit.

ZEIT ONLINE: Tatsächlich leben viele Muslime weltweit in Armut.

Abdel-Samad: Aber der Islamismus will diese Machtlosen gewaltsam zu einer Elite, zu einer Avantgarde machen. Das erleben wir derzeit so massiv wie in keiner anderen Kultur. Es gibt aber unter den Terroristen nicht nur arme, benachteiligte Menschen, sondern auch gebildete, gut verdienende wie die Attentäter von San Bernardino. Es gibt Alte und Junge, Afrikaner, Araber, Asiaten, Europäer und Amerikaner. Was verbindet sie letzten Endes? Der Islam. Aber wer das anspricht, gilt als Rassist, und das, obwohl der Islam eigentlich keine Rasse ist. Viele Medien wollten die Tragweite der Gefahr nicht sehen.

ZEIT ONLINE: In einigen westlichen Ländern gab es allerdings auch das gegenteilige Problem, nämlich Panikmache, so in ultrakonservativen US-amerikanischen Medien. Einerseits Hysterie, andererseits Realitätsverweigerung. Und dazu gehört auch, dass jetzt gesagt wird: Nein, wir dürfen das Wort Krieg nicht benutzen!

Abdel-Samad: Vor allem Deutsche wollen nicht vom Krieg sprechen, weil es ihnen an Entschlossenheit fehlt, den kriegsbereiten IS zu zerstören. Oder zumindest aus der Luft anzugreifen. Warum konnten bis vor Kurzem ganze Kolonnen von IS-Pick-ups täglich von Rakka nach Mossul und zurück fahren, ohne gezielt angegriffen zu werden? Warum? Weil man das Problem nicht für akut hielt, und weil einige unserer "Partner" im Kampf gegen den Terror den IS gewähren ließen. Im Westen verharmloste man die Terroristen als einzelne Verrückte. Man kann aber den Krieg gegen den Terror nur gewinnen, wenn man den weltweiten Islamismus bekämpft.

ZEIT ONLINE: Was halten Sie denn von der Idee deutscher Interventionsgegner, nicht selber einzugreifen, sondern die Rebellen in Syrien zu unterstützen?

Abdel-Samad: Nichts, denn die meisten Rebellen sind auch Islamisten. Es gibt kaum noch säkulare Rebellen. Wer etwas anderes behauptet, hat keine Ahnung von der Situation. Zu den Bombardements: Wenn wir nicht bombardiert hätten, wäre Sindschar nicht befreit worden und Kobane verloren. Dann wäre Ramadi und vielleicht sogar Bagdad gefallen.

ZEIT ONLINE: Und ziemlich sicher wäre der IS in Erbil einmarschiert, nämlich im letzten Herbst, als die Milizen nur noch 30 Kilometer vor Erbil, dem wichtigsten Rückzugsort der Flüchtlinge standen.

Abdel-Samad: Amerika hat damals gehandelt, Europa nicht. Das ist die heiße Angst im Kalten Krieg – vor Nebenfolgen und falschen Reaktionen. Also tut man lieber nichts. Genau wie in den dreißiger, vierziger Jahren: Wie lange dauerte es, bis Hitler wirklich bekämpft wurde! Ich weiß, dass die Leute den Vergleich nicht ertragen können. Aber ich bin überzeugt: Der Islamismus ist der Faschismus des 21. Jahrhunderts. Wer meint, durch Appeasement den Ball flach halten zu können und den Terror durch interreligiösen Dialog einzudämmen, der irrt. Ich erinnere nur daran: So dachte Chamberlain in den dreißiger Jahren auch, dass man Hitler durch Entspannungspolitik zähmen kann. Ein tödlicher Irrtum.

ZEIT ONLINE: Appeasement kann auch erfolgreich sein.

Abdel-Samad: Aber hat die Politik der kulturellen Sensibilität nach dem 11. September in Europa denn etwas gebracht? Überhaupt nicht. Der Fundamentalismus wuchs krebsartig, erst recht in der arabischen Welt. Dagegen müssen wir konsequent kämpfen, statt zu hoffen, die Kurden erledigen das für uns. Nein, die Kurden schaffen das niemals! Die haben keine reguläre Armee, um ganze Städte zu erobern und auch zu halten.