Nur ein paar Hundert Kämpfer des "Islamischen Staats" genügten, um Ramadi zu halten. Über Monate trotzten die Dschihadisten der Belagerung durch irakische Soldaten. Auch die intensiven Luftangriffe der US-geführten Koalition änderten daran nichts. Die irakische Stadt westlich von Bagdad war im Mai in die Hände der Terrormiliz gefallen, nachdem die Armee das nördlich gelegene Tikrit zurückerobert hatte. Nun ist auch Ramadi "befreit", seit Montag weht dort wieder die irakische Nationalflagge – doch was heißt das schon?

Ohne Frage ist es der vorerst wichtigste Erfolg für die Regierung in Bagdad: Ramadi ist die vierte größere Stadt, in der sie inzwischen wieder die Kontrolle übernehmen konnte. Der irakische Regierungschef Haider al-Abadi feiert den Sieg gegen den IS denn auch schon als den Anfang vom Ende – wieder einmal. 2016 werde man der Terrormiliz wirklich den "tödlichen Stoß" versetzen. Argumente für solchen Optimismus liefert er nicht.

Es rückt das Bild vielleicht ein wenig gerade, wenn man sich erinnert, wie die 300.000-Einwohner-Stadt an die Dschihadisten fiel: Die irakischen Sicherheitskräfte ließen damals einfach alles fallen und machten sich aus dem Staub. Der IS freute sich über die zurückgelassenen Waffen und Fahrzeuge, und die vorwiegend sunnitische Bevölkerung sah sich einmal mehr in ihrem Misstrauen gegenüber der schiitisch dominierten Armee und Regierung bestätigt.

Die Unterstützung für den IS ist nicht plötzlich verpufft

Deshalb ist die Rückeroberung Ramadis ein wichtiger Schritt, wenn Bagdad den Rückhalt der Sunniten gewinnen will – aber eben nur der erste. Und er wird die Spaltung des Iraks nicht kitten, die dort den Aufstieg des IS erst ermöglicht hat. Von der Macht ausgeschlossen und aus der Armee gedrängt, schlugen sich viele der sunnitischen Stämme auf die Seite der Dschihadisten, weil es im Kampf gegen die Unterdrückung durch die Schiiten keine Alternative gab.

Militärisch ist der IS in Ramadi geschlagen. Das ist viel wert, die Aura der Unbesiegbarkeit bröckelt mit jeder Niederlage, und die Terrormiliz musste bereits einige einstecken. Doch das Kernproblem ist damit nicht beseitigt, der Hass zwischen Schiiten und Sunniten kaum beruhigt. Dass die Iraker auf schiitische Milizen und die Hilfe des Irans zählen konnten (was Bagdad im Falle Ramadis gern vermeiden wollte und abstreitet), trägt ebenso wenig zur Entspannung bei.

Der "Islamische Staat" mag nun nicht mehr offen in der Provinzhauptstadt Ramadi vertreten sein; die Unterstützung, die er dort genoss, ist nicht plötzlich verpufft. Schon jetzt hat die Armee die Stadt nur qua Verlautbarung zu hundert Prozent unter Kontrolle: In einigen Vierteln hält sich der Widerstand der IS-Anhänger, und der IS wird sich in Erinnerung halten.

Politische Initiative bleibt aus

In dieser Lage ist längst nicht absehbar, ob es der irakischen Regierung gelingen wird, Ramadi langfristig zu halten – geschweige denn, den IS vollends aus dem Land zu vertreiben. Die marginalisierten Sunniten, die ihr Heil an der Seite der Dschihadisten suchten, werden die schiitischen Sicherheitskräfte so lange als eine Besatzungsarmee oder gar als den eigentlichen Feind empfinden, wie sich an ihrer Ausgrenzung im Staat nichts ändert.

Um den IS aber aus Falludscha im Westen oder gar Mossul im Norden zu vertreiben, der größten irakischen Stadt in seiner Hand, wird Bagdad die Sunniten ebenso brauchen wie die Kurden und kann auch nicht auf die schiitischen Milizen verzichten. Schon militärisch werden diese Städte noch einmal deutlich schwerer unter Kontrolle zu bringen sein als Ramadi – zumal der IS im benachbarten Syrien weiter große Gebiete halten kann. Ohne politische Initiativen, die vor allem den Sunniten wirklich etwas bieten, dürfte es beim Versuch bleiben. Und danach sieht es derzeit nicht aus.